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Traurige Jahresbilanz 1996: 28 Journalisten ermordet

In diesem Jahr wurden mindestens 29 Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes umgebracht, insgesamt 600 Journalisten in den letzten zehn Jahren. Die Mörder kommen meist ungeschoren davon. Das ist das Ergebnis der Recherchen von Reporter ohne Grenzen.

Die traurige Bilanz des Jahres 1996:

Getötete Journalistinnen und Journalisten (soweit bekannt):

Algerien8Philippinen2Kambodscha1
Rußland4Angola1Pakistan1
Bangladesch2Guatemala1Tadschikistan1
Indien2Indonesien1Türkei1
Kolumbien1Irland1Zypern1

Die Zahl der Opfer ist nicht so hoch wie in den vergangenen Jahren, als die Kriege in Ruanda und Ex-Jugoslawien auch unter Journalisten besonders viele Todesopfer forderten. Heute ist Algerien das gefährlichste Land für Journalisten: Seit Beginn des Bürgerkrieges kamen dort 1993 insgesamt 57 ums Leben.

In Algerien drohen die bewaffneten islamistischen Gruppen, diejenigen "mit der Waffe zu bestrafen", die sie "mit der Feder bekämpfen". So explodierte am 11. Februar 1996 eine Autobombe vor dem Pressehaus "Maison de la Presse" in Algier und forderte 20 Todesopfer, dar-unter drei Journalisten. Der Anschlag galt einem symbolischen Ort: einer ehemaligen Kaserne, in der die unabhängige, private algerische Presse ihren Sitz hat. Doch auch die algerische Staatsführung setzt immer wieder Presse und Medien unter Druck. So geraten algerische Journalisten zwischen die Fronten des Bürgerkrieges.

In der Türkei macht sich der Staat im Namen des Anti-Terrorkampfes schlimmster Gewalttaten schuldig. Metin Göktepe, Mitarbeiter der linksgerichteten Tageszeitung Evrensel, wurde am 8. Januar 1996 in Istanbul nach seiner Festnahme von Polizisten zu Tode geprügelt. Aufgrund des großen Interesses und internationalen Drucks wurde zwar ein Strafprozeß eröffnet, jedoch unter Bedingungen, die eine Verurteilung unwahr-schein-lich machen: Der Verhandlungsort wurde immer wieder in andere Städte verlegt, Termine wurden vertagt, Zeugen bedroht, die Angeklagten erschienen nicht vor Gericht.

In Rußland wurde im März 1996 Nadieschda Tschaikowa ermordet, Mitarbeiterin der Wochen-zeitung Obschaja Gaseta. Es gibt etliche Hinweise dafür, daß russische Geheimdienste in den Mord verwickelt sind. Trotz einer Kampagne von Obschaja Gaseta und der Unterstützung durch internationale Organisationen kommen die Ermittlungen nicht voran.

In Kambodscha drohte ein hoher Offizier der Antiterror-Einheit der Armee dem Direktor der Zeitschrift Uddomgatikhmer: "Ihr Schicksal wird ganz Phnom Penh entsetzen!" Drei Tage später, am 18. Mai 1996, wurde Thun Bun Ly erschos-sen. Er hatte mehrere Artikel über Korruptions-affairen der Machthaber veröffentlicht.

In Kolumbien wurde am 18. Oktober südlich von Bogota der Journalist Norvey Díaz von Radio Colina in Girardot mit einer Kugel im Nacken tot aufgefunden. Vermutlich handelt es sich bei den Tätern um professionelle Killer. Seit 1990 erhielt Norvey Díaz Morddrohun-gen. Er hatte darüber berichtet, wie Polizisten in die Morde an Bettlern ver-wickelt waren und aufgedeckt, daß Drogenhändler in Ferienclubs der Stadt investierten.

Weltweit wurden in den letzten zehn Jahren mindestens 600 Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes oder wegen ihrer Veröffentlichungen getötet. Ihre Recherchen störten, ihre Positionen verärgerten, ihre Unabhängigkeit provozierte. Ob Guerrilleros, paramilitärische Gruppen, Drogen-händler oder internationale Mafia - sie werden auch weiterhin Journalisten zum Schweigen bringen, die ihre Machenschaften aufdecken.

All diese Morde haben etwas gemeinsam: Die Täter sind noch immer frei.

Und wahrscheinlich werden die meisten Verbrechen ungestraft bleiben.

Oft herrscht stilles Einvernehmen zwischen Justiz und Politik, die Schuldigen zu verschonen. Machterhalt, Korruption und wirtschaftliche Interessen sorgen dafür, daß die Mörder straffrei bleiben.


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