Rundbrief 24, August 1998ROG Homepage
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Deutschland / Ruanda:

12.7.1998 - 5. Todestag des deutschen Fotografen Hans-Jörg Krauss

Den untenstehenden Bericht schrieb ROG-Mitglied Karsten Thielker.

Karsten Thielker war von 1990 bis 1996 für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) als Fotograf tätig und bereiste in dieser Zeit Krisengebiete in Europa und Afrika.1993 arbeitete er drei Wochen zusammen mit Hansi Krauss in Mogadischu und kehrte nach dessen Tod für weitere drei Wochen nach Somalia zurück. Für die Berichterstattung über den Völkermord in Ruanda erhielt er zusammen mit drei weiteren AP-Fotografen 1995 den Pulitzerpreis.

Wir saßen in jener ersten Juliwoche zusammen im Hotelzimmer und aßen Schokoladenpudding aus der Dose, eine der wenigen Süßigkeiten, die in der somalischen Hitze genießbar sind. Das hatten wir fast jeden Abend in den drei Wochen getan, seitdem uns AP nach Somalia geschickt hatte. Nachdem die Friedensmission in einen Krieg zwischen UN und Bürgerkriegsparteien umschlug, wurde es für Berichterstatter extrem gefährlich. Wir freuten uns jeden Abend, wieder einen Tag überlebt zu haben. Als die Weltpresse nicht mehr über die Auseinandersetzungen berichtete, wollte AP Kosten sparen. Einer von uns sollte nach Kenia auf Stand-by (billiger als ein Hin- und Rückflug nach Deutschland) gehen, der andere in Mogadischu die Ereignisse mit ein bis drei Bildern täglich weiterverfolgen. Wir einigten uns schnell. Hansi wollte noch eine, höchstens zwei Wochen in der somalischen Hauptstadt arbeiten, und dann - nichts wie raus. Ich flog nach Kenia zum Ausruhen.

Den Tod von Hansi Krauss, Dan Eldon, Hos Maina und Anthony Macharia erfuhr ich aus der Zeitung auf meiner afrikanischen Urlaubsinsel. Die vier hatten sich einem Medien-Konvoi angeschlossen, der von amerikanischen Militärs zerstörte Wohnsiedlungen in Mogadischu untersuchen wollte. Die Journalisten wurden von aufgebrachten Somalis empfangen, die sofort ihre Autos attackierten. Hansi, Dan, Hos und Anthony waren schon aus den Fahrzeugen gesprungen und wurden von der Menge getötet. Auch die somalischen Begleiter, ohne die kein Journalist einen Schritt vor das einzig sichere Hotel der Stadt tat, waren gegenüber ihren wütenden Landsleuten machtlos. Die völlig entstellten Leichen der drei Fotografen und des Tontechnikers brachten Somalis vor das Hotel, wo Kollegen sie identifizieren mußten. Einer von ihnen, der französische AFP-Fotograf Eric Cabanis, hat seitdem nie wieder in einem Krisengebiet gearbeitet.

Reuters, AFP und AP stellten für ca. eine Woche die Berichterstattung aus Mogadischu ein. Reuters hatte noch länger Schwierigkeiten, einen Fotografen für Somalia zu finden. Hos hätte Dan ablösen sollen, nur zufällig waren sie zusammen im Konvoi gestartet und gestorben.

Für Hansi gab es einen Nachruf in Berlin, zu dem der amerikanische Bildchef der AP aus New York angereist kam. Eine Gedenkfeier wurde abgehalten, Kränze am Grab niedergelegt und ein kleines Fotobuch mit Bildern von Hansi, Dan und Hos herausgebracht.

Hansi arbeitete als "fester Freier" für AP: Die Agentur zahlt monatlich 5000 DM als Fixum für zwanzig Arbeitstage, für jeden weiteren Tag 250 DM. Bei Einsätzen in Kriegsgebieten bleibt das Honorar gleich, egal, wie riskant der Job ist.

Hansis Stelle wurde problemlos neu besetzt. Die großen Nachrichtenagenturen haben keine Nachwuchssorgen, obwohl sie immer weniger Honorar bezahlen und weder Renten-, Arbeitslosen- noch Unfallversicherungen für ihre Mitarbeiter abschließen. Nur im Todesfall zahlt eine Versicherung an die Hinterbliebenen. Eine Vorbereitung für Fotografen, die in Krisengebiete reisen, existiert nicht. Schützen können die führenden Manager der Nachrichtenagenturen ihre Mitarbeiter sowieso nicht. Sie haben sich damit abgefunden, daß sich Konfliktparteien nicht an die Neutralität von Journalisten halten. Sie kritisieren weder den vorsätzlichen Angriff auf Medienvertreter, noch versuchen sie, mit Hilfe der amerikanisch dominierten UN die Sicherheit von Kriegsberichterstattern zu verbessern.

Hansi würde das auch nichts mehr nützen. Doch den jungen Fotografen, Kamerateams und schreibenden Journalisten vielleicht, wenn sie in zukünftige Kriege reisen. Doch die Management-Riege der immer dominanter werdenden internationalen Nachrichtenagenturen hat weder Interesse, die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter, noch deren Sicherheit zu verbessern. Zu lang sind die Bewerberschlangen vor ihren Büros, zu bequem die Sessel hinter ihren Schreibtischen.

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