ROG-HomepageVolltextsucheRundbriefe ArchivRundbrief 5zurückweiter

Rundbrief Nr. 05 Mai 1995

ROG

Aus der Arbeit des Vorstandes - Bericht 94/95

In dem einen Jahr ihres Bestehens hat die deutsche Sektion Reporter ohne Grenzen eine durchaus rasante Entwicklung durchgemacht:

Es begann Im Mai mit der Herausgabe des Fotobandes "100 Fotos für die Pressefreiheit" (gemeinsam mit der taz). Mit Hilfe des Bandes und einiger Freunde in der Presse wurde zunächst für die Gründungsversammlung geworben. Am 18. Juni waren es dann 40 Journalisten/Innen. die als Gründungsmitglieder den Verein ins Leben riefen. Erste Aktivitäten waren der Verkauf des Fotobandes (um überhaupt über Einnahmen zu verfügen), die Vorbereitung einer Satzung, die Teilnahme an der Patenschaftsaktion des Internationalen Sekretariats (10. Oktober) und die erste Teilnahme an einer Internationalen Hilfsaktion (Michael Rediske leitete im September den humanitären Rundfunksender von Reporters sans frontières für die ruandischen Flüchtlinge in Goma).

Unmittelbar nach der ersten ordentlichen Mitgliederversammlung vom l2. November beschloß der neugewählte Vorstand, für die Arbeit der Berliner Geschäftsstelle zunächst eine halbe Stelle einzurichten.

Dies ermöglichte zwar noch keine optimale. aber doch eine kontinuierlichere Betreuung von Journalistenanfragen und Mitgliederwünschen als zuvor durch eine Praktikantenstelle. Jetzt konnte der Verkauf des Fotobandes von uns selbst abgewickelt werden, unsere Haupteinnahmequelle, weit vor den Mitgliedsbeiträgen. Insgesamt wurden rund 7.000 Exemplare verkauft, über 3.500 weitere konnten wir einen Vertrag mit 2001 Versand schließen, der sie gegenwärtig zu einem ermäßigten Preis vertreibt.

Auf der Sitzung des Internationalen Exekutivkomitees von RSF in Paris am 10. Februar setzte sich unser Vorstand bei der Abstimmung über das künftige internationale Statut vor allem dafür ein, daß die Beteiligungsrechte der einzelnen Sektionen genauer festgehalten wurden (die endgültige Fassung liegt diesem Rundbrief bei). Gespräche mit dem Internationalen Sekretariat über eine Anschubfinanzierung für die deutsche Sektion wurden geführt, doch da Paris sich für eine Gleichbehandlung aller Sektionen entschloß, zog sich der Prozeß zunächst noch etwas hin.

In dieser Situation beschloß der Vorstand Im Februar als Sofortmaßnahme die Einrichtung einer zusätzlichen Honorarstelle für zwei Monate. Im Mittelpunkt sollten die Geldbeschaffung durch Sponsoren, Spender, neue Mitglieder und die Vorbereitung des 3. Mai stehen. Unser Kalkül war folgendes: Der Tag der Pressefreiheit ist jährlich derjenige Tag, zu den die größtmögliche Aufmerksamkeit der Presse und Öffentlichkeit für ROG erreicht werden kann. Der Jahresbericht der Internationalen Organisation sowie unser neuer Fotoband sollten zu diesen Termin erscheinen.

Unser Mitglied Alexander Logemann, der die Vorbereitung des 3. Mai übernahm, sollte also sowohl die Aktivitäten koordinieren als auch die Möglichkeiten der Geldbeschaffung austesten. Mailings und persönliche Kontakte brachten zumindest erste Erfolge: neben der taz, die wieder die technische Herstellung besorgte und den Vertrieb über Kiosk und Buchhandel organisiert, unterstützten diesmal auch Leica, Agfa und der Photoindustrieverband den Druck des Fotobandes (mit rund 6000,- DM). Dennoch ist festzuhalten. daß uns Sponsoren keineswegs zufliegen. Offenbar müssen wir unseren Bekanntheitsgrad - auch außerhalb unserer Zunft noch wesentlich steigern, um so "unverzichtbar" zu werden wie die französische Sektion in ihrem Land.

Der 3. Mai war sicherlich ein Schritt auf diesem Weg. Die zentrale Pressekonferenz fand in den Räumen von dpa/Berlin statt. In einer Kooperation mit der VHS München-Garching hatten wir Juri Glosakov von einer russischen Schwesterorganisation, der Glasnost Defense Foundatlon dazu nach Deutschland eingeladen. Allein der lange dpa-Bericht über die Berliner Pressekonferenz wurde von fast 40 Zeitungen gedruckt. Dazu kamen Eigenberichte in Frankfurter Rundschau und taz, kurze TV-Berichte und Interviews in N-TV, B1 (SFB) sowie Deutsche Welle-TV und eine Reihe von Rundfunkbeiträgen bzw. Interviewwünschen.

Die Idee einer zweiten Pressekonferenz, die zur gleichen Zelt in München stattfand, erwies sich dagegen als weniger erfolgreich. Immerhin brachte der Hörfunk des BR einige Beiträge über den Fall des kurdischen ARD-Mitarbeiters Günay Aslan, den wir nach seiner Freilassung durch die türkischen Behörden eingeladen hatten.

Positiv war Insgesamt die Vielfalt der Aktionen. die jeweils von einer kleinen Gruppe von ROG-Mitgliedern getragen wurden: In Frankfurt, Köln und München (hier mit der VHS-München), Podiumsdiskussionen. In Hannover und Hamburg Fotoausstellungen. Sie haben uns sicherlich in den einzelnen Städten weiter bekannt gemacht. Briefe an eine Reihe prominenterer Journalisten haben übrigens auch unsere Mitgliedschaft vergrößert und einige Spenden eingebracht. Ein erfreuliches (und nachahmenswertes) Beispiel: die Redaktion von GEO ist Mitglied geworden, rund 30 Kollegen/Innen werden uns von dort regelmäßig Geld überweisen. Eine zweite institutionelle Zusammenarbeit bahnt sich mit der Deutschen Welle an. Sie ist dabei, einen Fernsehspot zur Pressefreiheit herzustellen. Der Vorstand möchte mit Hilfe dieses Beispiels auch an andere TV-Sender herantreten und sie zu einer ähnlichen Gemeinschaftsaktion, wie sie im letzten Jahr die Spots gegen Rassismus waren, ermuntern.

Wir meinen, daß unsere Strategie einer allmählichen, aber zügigen Ausweitung unser Geschäftsstelle sich auszahlt. Unser mit Alexander Logemann (der für die Zeit nach dem 3. Mal leider schon andere Verpflichtungen hatte) begonnenes Projekt müssen wir unbedingt weiterführen, wollen wir nicht die geknüpften Kontakte wieder einschlafen lassen. Noch wäre die Finanzierung einer regelrechten Geschäftsstelle mit eigenen Räumlichkeiten (Bedarf: mindestens 10.000 Mark pro Monat) allerdings zu prekär.

Wichtig ist, daß wir uns neben der Informationsarbeit der konkreten Hilfe für Journalisten In Not zuwenden. Die Beteiligung an der vom Internationalen Sekretariat initiierten Patenschaftsaktion war der Anfang. Nachteil: von französischer Seite ist diese Aktion eher punktuell - d.h. auf gleichzeitige Veröffentlichungen und Aktionen jedes Jahr zum 10. Oktober orientiert. Zu unseren bisherigen Ansätzen in verschiedenen deutschen Städten ist kritisch zu sagen, daß sie auch kaum hierüber hinausgingen. Soweit dem Vorstand bekannt, hat keine der interessierten Gruppen oder Mitglieder bislang eine kontinuierliche Arbeit zugunsten eines der Langzeitgefangenen aufgebaut. Genauer: Es gibt bisher so wenig Zusagen, daß wir dem Internationalen Sekretariat noch nicht einmal guten Gewissens eine Anzahl von betreuten Gefangenen melden konnten. Dieser Tatbestand sollte nicht als Vorwurf an die Mitglieder verstanden werden. Möglicherweise ist tatsächlich die Patenschaft, mit ungewisser Aussicht, überhaupt mehr als ein paar dürre Fakten über einen Inhaftierten Kollegen zu erfahren, oft nicht einmal zu wissen, in welchem Gefängnis er sich befindet, für unsere Spezies Journalisten auf Dauer zu schwierig - und nur in Einzelnen machbar. Die Berliner Geschäftsstelle kann da jedenfalls nur Angebote machen - die Initiative zum Einzelfall müßte von den Mitgliedern kommen.

Ein anderer Weg der konkreten Hilfe durch Mitglieder der deutschen Sektion ist möglicherweise erfolgversprechender, er läßt sich anhand zweier Beispiele erläutern:

- Seit geraumer Zelt bemüht sich im Berliner Büro Heidi Schirrmacher gemeinsam mit anderen Institutionen drei togolesischen Journalisten, die in ihrem Heimatland verfolgt wurden, die Einreise in die Bundesrepublik zu ermöglichen (siehe den Bericht). Hier kann konkret und materiell geholfen werden (Flugtickets, Aufenthaltskosten, Betreuung ...)

- In Zusammenarbeit mit der Journalistischen Aktion Umwelt bemüht sich unser Mitglied Valentin Thurn aus Köln um algerische Kollegen, die für eine Weile aus der buchstäblichen Schußlinie in Ihrem Land genommen werden müssen.

Derzeit unterstützen wir materiell den Aufenthalt von Cherik Ali, der drei Monate in Leipzig Gast des MDR ist

Solche Initiativen ließen sich multiplizieren, unsere Geschäftsstelle würde die Koordination übernehmen und sich auch bei potentiellen Spendern um finanzielle Unterstützung bemühen.

Zum Thema Spenden: Der Vorstand hat nach Verabschiedung der Satzung durch die letzte Mitgliederversammlung die Gemeinnützigkeit beantragt. Beim zuständigen Finanzamt stieß das auf Schwierigkeiten. Dank der Vorarbeit unseres Mitglieds Werner Herbst stellen wir jetzt den Mitgliedern den Vorschlag einer Satzungsänderung vor (liegt dem Rundbrief bei), der die konkreten Hilfsaufgaben (gegenüber der Informationstätigkeit stärker betont und konkretisiert. Im Fall seiner Annahme durch die MV am 17. Juni sollte es uns bald möglich sein, auch Spendenbescheinigungen für das Finanzamt auszustellen.

Michael Rediske

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


[ Homepage | Suche | Aktuell | Länderindex | Suche | Rundbriefe Archiv | Rundbrief 5 | zurück | weiter ]


© Reporter ohne Grenzen eV.
Webmaster: Martin Mair

ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/