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Rundbrief Nr. 04 April 1995

ROG

Jazz in Symphony

Benefizkonzert der Bühnen der Stadt Gera

Wem der Zusammenhang zwischen der Arbeit von "Reporter ohne Grenzen" und anderen Interessen- und Berufsgruppen bisher ungewohnt war, wird um ein Kuriosum bereichert. Dabei ist es ganz einfach zu erklären, warum sich auch Theaterleute für Journalisten, oder besser gesagt für die Art und Weise der Berichterstattung in den Medien über diese Welt interessieren. Dort wo die freie Berichterstattung eingeschränkt ist oder unmöglich gemacht werden soll, ist es mit der Freiheit der Kunst meist schon lange vorbei. Dabei sind auch die deutschen Theater eigentlich internationaler als sie sich eigentlich geben. Das Theater in Thüringens zweitgrößter Stadt Gera mit seinen ca. 400 Mitarbeitern beschäftigt Künstler aus 28 Nationen. Eine Tänzerin aus Sarajevo, ein Sänger aus Amerika, ein Bühnentechniker aus Petersburg, ein Schauspieler aus Zürich, eine Choreographin aus Sofia, ein Musiker aus Ost- und einer aus Westdeutschland und ein Dirigent aus Großbritannien (um nur einige willkürliche Beispiele zu nennen) sind nur zu einem Zweck beisammen: Geschichten der Menschheit anderen Menschen zu erzählen.

Daß Künstler in einem Elfenbeinturm leben, ist oft nur ein Vorurteil - zumindest in Gera ist die Auseinandersetzung mit den Ereignissen in der Welt lebendig - auch und besonders mit dem was davon in den Medien zu erfahren ist und oft genug mit eigenen multikulturellen Erfahrungen steht.

Vielleicht ist es dieser Zusammenhang gewesen, der den Theaterleuten einhellte, der dazu beitrug, in wenigen Tagen 40 Fotobände von "Reporter ohne Grenzen" unter den Mitarbeitern zu verkaufen und eine Gruppe formierte, die im konkreten Fall der Inhaftierung tadschikischer Journalisten zu einer Briefaktion führte. Darüber hinaus entstand der Wille, ein Benefizkonzert zu veranstalten, dessen Erlös auch der Arbeit von "Reporter ohne Grenzen" zugute kommen sollte. Im architektonischen Kleinod des Theaters, dem Konzertsaal, sollte dabei kein Allerlei, sondern ein besonderes Programm geboten werden. Die Verknüpfung von Sinfonik und Jazz, das Zusammenwirken von sogenannten "U" und "E"-Musikern sollte ein breites Spektrum an Zuschauern interessieren. Die wie immer bei besonderen Aktionen entstehenden Unkosten wurden Sponsoren aufgelastet. Dabei zeigte sich, daß Banken, LIONS-Club, kleine Unternehmen und Hotels durchaus bereit waren, einen Beitrag zu leisten. Als etwas zwiespältig bleibt die Erfahrung zurück, daß eine aufstrebende Brauerei aus dem sehr nahen Bad Kostritz, welche auch eine eigene Jazzformation fördert, kräftig eingestiegen ist. Zwiespältig deshalb, weil die musikalische Bereicherung durchaus gelungen ist - jedoch andererseits dem Begehren, eine Bierpräsentation zu veranstalten, verschiedentlich Einhalt geboten werden mußte.

Dreieinhalb Stunden Programm von Sinfonik bis Big Band Jazz lockten letztlich doch über 700 Zuschauer und bescherten Erlöse, welche für die in Gera einzigartige Jugendtheaterschule, für Street-Worker-Sozio-Projekte und Reporter ohne Grenzen aufgeteilt werden konnten. Nach dem in Deutschland wohl unvermeidlichen Verwaltungsprocedere konnten für die Arbeit von ROG ca. 5000.- DM überwiesen werden.

Soweit so gut? Ja und Nein.

Kann oder muß eine solche Veranstaltung, nicht auch dazu dienen auf die Arbeit der Organisation oder besser auf das inhaltliche Thema der Berichterstattung aus der ganzen Welt, die Arbeitsverhältnisse der Journalisten hinzuweisen? Ich hin der Auffassung, daß die Zusammenarbeit und Unterstützung unzureichend war. Ausgenommen Gemma Pörzgen, Almut Lüder und Andreas Artmann - fand sie schlechthin nicht statt. Dank besonders an Andreas Artmann, der Fotos für eine Ausstellung besorgte und an der Vorbereitung gemeinsam mit Almut Lüder mitwirkte. Dank an Gemma Pörzgen, die am Abend selbst anwesend war. Für drei Mitglieder war Thüringen nicht zu weit und wohl auch nicht unbekannt. Der vielleicht zu späte Versuch, einen prominenten Schirmherren zu finden, scheiterte leider (zu spät sei besonders betont, weil mein Gespräch mit Ulrich Wickert schon Interesse geweckt hatte) - aber das mein persönliches Bemühen, weitere Mitglieder von ROG nach Gera zu locken, so scheitern würde, hatte ich nicht erwartet. Verständlich, daß viele Kollegen keine Zeit oder gerade an diesem Wochenende Urlaub machen. Aber oft genug anhören zu müssen: daß man über die Organisation gar nichts sagen könne, schon gar nicht öffentlich als Ansprechpartner auftreten wolle, darüber in der eigenen Zeitung erst recht nichts berichten könne/wolle... und überhaupt wo fände das Ganze statt??? - Gera. ja wo liegt denn das....??? Unüberwindbare Distanzen aus München, Hamburg oder Berlin?

Natürlich weiß auch ich, daß die Mitgliedschaft freiwillig ist und jeder selbst entscheidet, wie er sich einbringen will. Es bleibt nur festzuhalten, daß es sehr schwer ist, etwas aus eigener Kraft auf die Bühne zu stellen. Noch schwerer ist es, jemanden dazu zu bewegen, Geld oder andere selbstlose Unterstützung einem Projekt zuteil werden zu lassen. Am schwersten jedoch ist, zu erfahren, daß die pragmatische Aktionskraft von "Reporter ohne Grenzen", letztere in sich selbst, im eigenen Kopf, in der eigenen Behäbigkeit wohl erst lernen muß, zu überwinden.

Hubert Kross jr.
Operndirektor in Gera und ROG-Mitglied

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