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36 Journalistinnen und Journalisten wurden 1999 wegen ihrer Meinung oder in Ausübung ihres Berufes getötet

Indien

Am 10. Oktober wird NA Lalrohlu, Herausgeber der Zeitung Shan, von einem mehr als 50-köpfigen Kommando einer militanten Gruppe im Bundesstaat Manipur entführt. Zusammen mit drei weiteren Opfern wird er kurz darauf erschossen. Dem Mord voraus gegangen war eine Reihe von Artikeln, in denen Shan die brutalen Praktiken verschiedener Milizen in der Region angeprangert hatte. Auch Übergriffe regulärer Sicherheitskräfte hatten sich gehäuft. Beobachter sehen in dem Mord deshalb eine Warnung an alle kritischen, unabhängigen Journalisten. Die Journalistenvereinigung von Manipur verurteilte das Verbrechen scharf, und sämtliche Zeitungen in dem Bundesstaat stellten aus Protest ihr Erscheinen einen Tag lang ein.

Jugoslawien

Slavko Curuvija, Chefredakteur der 1996 von ihm gegründeten unabhängigen Tageszeitung Dnevni Telegraf und Gründer des Magazins Evropljanin (Der Europäer), wird am 11. April um 4:40 Uhr vor seiner Wohnung in Belgrad erschossen. Curuvijas Ehefrau, die bei dem Angriff mit einer Pistole geschlagen wird, berichtet später, dass zwei maskierte Männer in schwarzen Lederjacken mehrmals in Kopf und Rücken ihres Mannes gefeuert haben. Curuvija war äußerst kritisch gegenüber der Regierung Milo òsevi´c und wurde deshalb von den Behörden seit Jahren unter Druck gesetzt. Er selbst, seine Zeitungen und deren Mitarbeiter waren Ziel etlicher Gerichtsverfahren, die oft mit drakonischen Geldstrafen endeten. Dnevni Telegraf und Evropljanin wurden im Oktober 1998 verboten, was sie durch die Verlegung der Redaktion nach Montenegro zu umgehen versuchten. Slavko Curuvija selbst war am 8. März 1999 zu fünf Monaten Haft wegen "Verbreitung von Falschinformationen" verurteilt worden. Dnevni Telegraf hatte über die Veruntreuung von Haushaltsmitteln an einer von dem stellvertretenden serbischen Ministerpräsidenten geleiteten Forschungsklinik und die Ermordung eines dort arbeitenden Arztes berichtet. In der Presse und im staatlichen Fernsehen war Curuvija als "Verräter" bezeichnet und offen bedroht worden, als die NATO-Luftangriffe gegen Serbien begannen: "Leute wie ihn", schrieb die Tageszeitung Politika Ekspres, "werden wir nicht vergessen, und wir werden ihnen auch nicht vergeben".

Shao Yunhuan von der Xinhua News Agency, sowie Xu Xinghu und Zhu Ying, beide Mitarbeiter der Tageszeitung The Guangming Daily, werden getötet, als NATO-Kampfflugzeuge am 8. Mai die chinesische Botschaft in Belgrad bombardieren. Die drei chinesischen Journalisten hatten aus der jugoslawischen Hauptstadt über den Krieg zwischen der NATO und Jugoslawien berichtet. Am 12. Mai wurde ihre Asche nach Bejing überführt.

Die beiden Stern-Reporter Volker Krämer und Gabriel Grüner werden am 13. Juni, dem Tag des Einmarsches der NATO-Truppen ins Kosovo, ermordet. Auf dem Weg zur Grenze nach Mazedonien geraten sie, so das Ergebnis der unter anderem vom Stern angestellten Ermittlungen, in der Nähe von Dulje, knapp 40 Kilometer südlich von Pri´stina, in einen Hinterhalt. Beim Versuch, ein Hindernis auf der Fahrbahn über eine Wiese neben der Straße zu umfahren, bleibt ihr Wagen stecken. Sie fliehen zu Fuß weiter und werden aus einer Entfernung von 400 bis 800 Metern, möglicherweise von Scharfschützen, beschossen. Volker Krämer wird in den Kopf getroffen und stirbt sofort; Gabriel Grüner erleidet einen Bauchdurchschuss und erliegt seinen Verletzungen trotz späterer ärztlicher Versorgung. Auch ihr Dolmetscher Senol Alit wird bei dem Überfall getötet; Helfer finden seine Leiche neben dem Fahrzeug der Journalisten.

Kolumbien

Der Rundfunkjournalist Jaime Garzón ist am 13. August in Bogotá wie immer um sechs Uhr morgens mit seinem Jeep auf dem Weg ins Studio des Senders Radionet. Zwei Attentäter fangen ihn auf einem Motorrad ab, eröffnen das Feuer und treffen den Journalisten mehrfach in Kopf und Brust. Garzón, einer der populärsten Radiojournalisten Kolumbiens, produzierte auch Beiträge zur Fernseh-Nachrichtensendung Caracol Noticias. Vor seinem Tod erhielt er mehrfach Morddrohungen von Carlos Castaño, Führer der "Vereinigten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens" (Autodefensas Unidas de Colombia, AUC).
Die rechtsgerichtete paramilitärische Organisation liefert sich einen brutalen Krieg mit der linksgerichteten Guerilla, dem immer wieder Unschuldige zum Opfer fallen. Nach Berichten von Kollegen wollte Garzón am 14. August mit Castaño zusammentreffen. Die AUC streitet jede Verwicklung in die Tat ab. Während manche Beobachter die Paramilitärs beschuldigen, vermuten andere die Armee hinter dem Mordanschlag. In beiden Fällen könnten Garzóns Kontakte zu den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, FARC) das Motiv sein, denn er wirkte als Unterhändler an der Freilassung entführter Personen mit. Zudem gehörte er einer unabhängigen Kommission an, die zwischen der Regierung und der "Nationalen Befreiungsarmee" (Ejército de Liberación Nacional, ELN), einer weiteren linksgerichteten Guerilla-Gruppierung, vermittelte.

Guzmán Quintero Torres, Chefredakteur der Tageszeitung El Pilón, wird am 16. September in der Stadt Valledupar im Norden des Landes erschossen, als er gegen zehn Uhr abends mit zwei Kollegen in einem Restaurant sitzt, das er oft auf dem Nachhauseweg besucht. Der Täter betritt das Lokal und feuert viermal auf Quintero, danach entkommt er mit seinem Komplizen auf einem Motorrad. Am 29. September verhaftet die Polizei zwei Verdächtige. Nach Angaben der örtlichen Behörden sind beide Männer professionelle Killer, die von Zeugen identifiziert wurden. Quintero war Mitbegründer eines Journalistenclubs in Valledupar und arbeitete auch als Korrespondent für Televista, ein Nachrichtenprogramm des Regionalsenders Telecaribe. Zudem war er Professor an der National Correspondence University. Er hatte kurz vor seiner Ermordung mit Recherchen über den am 11. August 1998 verübten Mord an der Fernsehjournalistin Luz Amparo Jiménez Payares begonnen, für den rechtsextreme Paramilitärs verantwortlich gemacht werden.

Der Korrespondent des Radiosenders Emisora Fuentes de Cartagena, Rodolfo Julio Torres, wird am 21. Oktober in Berrugar, einer kleinen Stadt in der Nähe von Cartagena an der Karibikküste, ermordet. Berichten zufolge wird er früh morgens von einer Gruppe Unbekannter aus seiner Wohnung verschleppt; seine Familie findet später den Leichnam am Stadtrand. Torres arbeitete als Pressesekretär für den Bürgermeister, zuvor hatte er für die Tageszeitung El Meridiano und als Korrespondent von Radio Caracol in der Region nicht nur über allgemeine politische Themen berichtet, sondern auch über Hahnenkämpfe: die größten Glücksspiel-Veranstaltungen der Region mit enormen Umsätzen. Ein Jahr zuvor war er in einem anonymen Flugblatt beschuldigt worden, mit der Guerilla-Organisation ELN zu sympathisieren. Als Urheber der Flugblätter gelten die Paramilitärs der AUC.

Die Leichen von Luis Alberto Rincón, freier Journalist und Besitzer einer eigenen kleinen Produktionsfirma und seinem Kameramann Alberto Sánchez Tovar werden am 28. November in der Provinz Santander aufgefunden. Die Journalisten hatten an einem Bericht über den lokalen Wahlkampf gearbeitet. Man hatte sie mit Pistolenschüssen ermordet und ihre Ausrüstung geraubt. Die Polizei vermutet in dem Diebstahl allerdings ein Ablenkungsmanöver und nennt die paramilitärische AUC als mutmaßliche Verantwortliche für den Doppelmord.

Am 4. Dezember stürmen mehr als 100 FARC-Guerilleros die Stadt Gigante, etwa 250 Kilometer südlich von Bogotá. Sieben Menschen werden bei dem Angriff getötet, etwa 20 verwundet. Zu den Toten zählt Pablo Emilio Medina, Kameramann des Regionalsenders TV Garzón. Nach Angaben von Rulfo Ciceri, Direktor von TV Garzón, ist Medina mit ihm und einigen anderen Journalisten, die über den Angriff berichten wollen, unterwegs nach Gigante. Um schneller in die Stadt zu gelangen, fährt Medina auf dem Motorrad eines Polizeioffiziers mit. FARC-Rebellen nehmen sie unter Beschuss, Medina stirbt durch mehrere Kugeln in Kopf und Rücken. Der Polizist entkommt unverletzt. Ein Kommandeur der FARC entschuldigt sich später bei Ciceri: Die Guerilleros hätten Medina für eine "mosca" ("Fliege") gehalten - eine abschätzige Bezeichnung für Polizeispitzel.

Libanon

Der Reporter Ilan Roeh, der für Israel Radio berichtete, wird am 28. Februar gemeinsam mit drei Angehörigen der israelischen Streitkräfte etwa vier Meilen nördlich der israelischen Grenze von einer am Straßenrand explodierenden Bombe getötet. Der erfahrene Korrespondent, der schon fünf Jahre aus dem israelisch besetzten Süden des Landes berichtet hatte, begleitete einen Militärkonvoi. Der Sprengkörper zerstört das gepanzerte Fahrzeug,in dem auch der Journalist sitzt. Die libanesische Schiitenmiliz "Hisbollah" erklärt sich für den Angriff verantwortlich.

Nigeria

Am 18. April wird Fidelis Ikwuebe, freier Mitarbeiter der Tageszeitung The Guardian in Lagos, entführt und ermordet, als er im Staat Anambra (im Süden Nigerias) über gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der Volksgruppen der Aguleri und Umuleri berichtet. Bisher ist ungeklärt, welche der beiden Gruppen für seinen Tod verantwortlich ist. Allerdings berichteten Journalisten vor Ort, dass die Regierung Nigerias zu der Zeit äußerst nervös auf die Berichterstattung über die Auseinandersetzungen reagierte, bei denen mindestens 500 Menschen ums Leben gekommen waren. Im Laufe des Jahres kam es in verschiedenen Teilen des Landes zu Kämpfen zwischen verfeindeten Volks- und Religionsgruppen, die mit äußerster Brutalität geführt wurden.

Sam Nimfa-Jan wird am 27. Mai bei Unruhen in Kafanchan im nordwestlich gelegenen Staat Kaduna getötet. Der Journalist soll für das Magazin Details über die Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen der Hausa Fulari und Zangon Kataf berichten. Nach der Ernennung eines moslemischen Emirs zum traditionellen örtlichen Führer in dem von zwei nicht-moslemischen Volksgruppen bewohnten Gebiet von Jema'a arten die Gewalttätigkeiten aus. Nigerianische Journalisten zitierten Bewohner, denen zufolge Nimfa-Jans Leiche mit mehreren Pfeilen im Rücken gefunden worden sei.

Der Fotojournalist Samson Boyi, Mitarbeiter der staatlich kontrollierten Zeitung The Scope, begleitet gemeinsam mit anderen Journalisten am 5. November die Wagenkolonne des Gouverneurs von Adamawa, das an der Grenze zu Kamerun liegt, auf einer Fahrt von Adamawas Hauptstadt Yola in den Nachbarstaat Bauchi. Etwa dreißig Angreifer, von denen weder die Identität noch die Motive bekannt sind, eröffnen das Feuer auf die Fahrzeuge; die Leibwächter des Gouverneurs erwidern es. Boyi wird bei dem Schusswechsel tödlich getroffen. Sein Kollege Umar Mustaphar, Reporter der Nigeria Television Authority in Yola, wird verletzt.

Ost-Timor

Sander Thoenes, holländischer Journalist und Mitarbeiter von Financial Times, The Christian Science Monitor und der niederländischen Zeitung Vrij Nederland, wird am Abend des 21. September erschossen. Australische Friedenstruppen der Vereinten Nationen bergen Thoenes verstümmelte Leiche am folgenden Morgen in Becora, einem Vorort von Dili, in dem indonesisches Militär und militante Unabhängigkeitsgegner operieren. Als Thoenes und sein timoresischer Fahrer, Florindo da Conceicao Araujo, auf ihrem Motorrad eine Straßensperre bewaffneter Milizionäre in Becora durchfahren, folgt man ihnen in einem Auto und feuert Warnschüsse ab, danach wird in den Hinterreifen geschossen; die beiden Männer stürzen. Araujo sieht Thoenes nach eigenen Angaben mitten auf der Straße liegen, flieht aber, als die Milizionäre - die offenbar indonesische Polizeiuniformen tragen - erneut feuern. Ermittlungen der UN ergeben, dass der Reporter von Angehörigen des 745. Bataillons der indonesischen Armee durch einen Schuss in den Rücken ermordet wurde. Thoenes hatte seit mehreren Jahren aus Indonesien berichtet, er beherrschte die Landessprache und kannte die Gegend um Dili.

Am 25. September werden Agus Mulyawane, Reporter der Tokioter Nachrichtenagentur Asia Press International und seine acht Begleiter - Mitarbeiter der Caritas-Hilfsorganisation - ermordet. Die Mörder lauern der Gruppe nach Einbruch der Dunkelheit in der Ortschaft Com auf. Ihre Leichen werden im Raomoko-Fluss gefunden, zwei von ihnen noch in dem Kleinbus, der in den Fluss geschoben worden war. Eine von den Vereinten Nationen eingeleitete Untersuchung nennt auch hier Soldaten des 745. Bataillons der indonesischen Armee als die vermutlich für das Massaker Verantwortlichen. Mulyawane hatte seit Februar in Dili an einer Fernsehdokumentation über die größte ost-timoresische Guerilla-Organisation, "Falintil" gearbeitet, die für die Unabhängigkeit von Indonesien kämpfte. Der Journalist stammte aus Bali und hatte Kontakte zu zahlreichen indonesischen Militärs.

Sierra Leone

Der nigerianische Journalist James Ogogo, der für die unabhängige Zeitung Concord Times berichtete, wird am Abend des 8. Januar von der "Revolutionary United Front" (RUF) in der Hauptstadt Freetown ermordet. Augenzeugen zufolge stürmt eine Gruppe von Rebellen in die Büroräume der Zeitung und ruft, dass sie "nach dem nigerianischen Journalisten suchen". Sie binden Ogogo an einen Lastwagen und schleifen ihn weg, dann stoppen sie den Lkw, binden den Journalisten los, befehlen ihm zu laufen und erschiessen ihn.
Nach ihrem Einmarsch in Freetown am 6. Januar 1999 machten die Rebellen der RUF und ihr Verbündeter AFRC ("Armed Forces Revolutionary Council") gezielt Jagd auf Journalisten. Bereits nach ihrem durch Johnny Paul Koroma angeführten Staatsstreich vom 25. Mai 1997 hatten die beiden Gruppen die unabhängigen Medien des Landes mit Repressalien überzogen - insbesondere diejenigen, die den im März 1996 gewählten Präsidenten Ahmad Tejan Kabbah unterstützten. Mit Hilfe der unter nigerianischer Führung stehenden Westafrikanischen Friedenstruppen ECOMOG gelangte Kabbah im März 1998 wieder an die Macht. Als die Truppen der RUF Freetown Anfang 1999 vorübergehend wieder unter ihre Kontrolle brachten, führten sie Berichten zufolge eine Todesliste mit den Namen von Journalisten mit sich, und nigerianische Reporter galten ihnen per se als "Partisanen" der ECOMOG.

Jenner "J.C." Cole, Moderator des unabhängigen Radiosenders SKY-FM, wird am 9. Januar zusammen mit seiner Verlobten von RUF-Rebellen aus seinem Haus in Freetown verschleppt. Mit weiteren Opfern wird er gerade zu einer RUF-Basis im Osten der Stadt gebracht, als eine Maschine der ECOMOG den Transport überfliegt. In der allgemeinen Hektik und Verwirrung gelingt es den anderen Gefangenen zu fliehen. Coles Flucht wird von den RUF-Rebellen vereitelt, sie erschießen ihn vor den Augen seiner Verlobten.

Am 9. Januar wird Mabay Kamara, freier Journalist bei der inzwischen nicht mehr existierenden Zeitung Vision, entführt und anschließend ermordet. RUF-Rebellen verschleppen den Journalisten aus seinem Haus in der Innenstadt Freetowns. Seine Ehefrau, Zeugin des Geschehens, berichtet später, dass eine RUF-Kommandeurin die Entführung ihres Mannes angeordnet hat. Die Rebellen stecken anschließend auch Kamaras Wohnhaus in Brand.

Auch der Korrespondent der unabhängigen Radiostation SKY-FM, Mohammed Kamara, wird am 9. Januar von Rebellen der RUF in Freetowns Zentrum erschossen. Der Journalist hatte regelmäßig über Gerichtsverhandlungen berichtet - unter anderem über die Verfahren wegen Hochverrats, die nach Wiedereinsetzung von Präsident Kabbah stattfanden.

Paul Mansaray, stellvertretender Redaktionsleiter der unabhängigen Zeitung Standard Times, wird ebenfalls am 9. Januar in seiner Wohnung in Calabar Town, östlich von Freetown, zusammen mit seiner Frau, seinen beiden kleinen Kindern und seinem Neffen von Rebellen der RUF ermordet. Ein Kollege, der sich bei Mansarays Familie aufhält, sieht die Angreifer kommen und kann noch durch ein Fenster fliehen. Die Mörder schreien Beschimpfungen wegen Mansarays Veröffentlichungen. Dann stecken sie das Haus in Brand und feuern mit ihren Waffen in das Gebäude; der Journalist und seine Familie kommen in den Flammen um.

Am 10. Januar stirbt Myles Tierney, Kameramann der US-amerikanischen Fernseh-Nachrichtenagentur Associated Press Television News (APTV), als sein Fahrzeug von unzähligen Kugeln durchschlagen wird. Der von ECOMOG-Truppen eskortierte Konvoi, mit dem Tierney und weitere Journalisten in den Straßen der Hauptstadt Freetown unterwegs sind, war in einen Hinterhalt von Rebellen geraten, die sich Berichten zufolge als ECOMOG-Soldaten getarnt hatten. Ian Stewart, Chef des Westafrika-Büros von APTV, wird bei dem Angriff schwer verletzt, AP-Fotograf David Guttenfelder erleidet Schnittwunden durch herumfliegende Glassplitter.

Der freie Journalist Munir Turay, Reporter für die unabhängige Zeitung Punch, die staatliche Daily Mail sowie den staatlichen Sierra Leone Broadcasting Service, wird zwischen dem 6. und 12. Januar in Freetown getötet. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht bekannt, doch berichteten Kollegen bei seiner Beerdigung am 9. Februar von Schusswunden im Rücken des Journalisten. Nach Recherchen von Reporter ohne Grenzen ist Turay beim Einmarsch der RUF- und AFRC-Rebellen entführt und ermordet worden.

Alpha Amadu Bah, Sportreporter der Tageszeitung Independent Observer, wird am 17. Januar in seiner Wohnung von Angehörigen der RUF und des AFRC ermordet. Nach Augenzeugenberichten kommen etwa 20 Rebellen zu Bahs Haus in Freetown und fragen zunächst nach einer anderen Person, die aber nicht anwesend ist. Daraufhin zünden die Rebellen das Haus an und erschießen Amadu Bah, als er zu fliehen versucht.

Am 3. Februar wird der Nachrichtenredakteur der unabhängigen Zeitung African Champion, Abdul Jumah Jalloh, getötet. Jalloh und der Chefredakteur der Zeitung, Mohammed D. Koroma, sind in der Innenstadt von Freetown auf dem Weg zu einer Druckerei, als ein Passant - im Beisein von ECOMOG-Soldaten - Jalloh der Brandstiftung beschuldigt und behauptet, er sei Mitglied der RUF. Jalloh bestreitet diese Anschuldigungen, Koroma versucht, den Soldaten klar zu machen, dass Jallohs eigenes Haus von RUF-Rebellen niedergebrannt wurde. Die Soldaten warnen Koroma, seinen Kollegen weiterhin zu verteidigen. Ein nicht näher identifizierter ECOMOG-Offizier führt Jalloh ein paar Schritte zur Seite und exekutiert ihn aus nächster Nähe.

Conrad Roy, früherer Nachrichtenchef der verbotenen Expo Times, stirbt am 30. April. Im Zentralgefängnis von Freetown war er an Tuberkulose erkrankt, hatte aber keine medizinische Behandlung erhalten. Erst am 26. April wird er in ein Krankenhaus eingeliefert, vier Tage später ist er tot. Die Expo Times war 1997 mit der Begründung verboten worden, sie sei in der Hand von Sympathisanten der Rebellenbewegung RUF. Im Dezember 1998 hatte ein Gericht Conrad Roy wegen Verrats sowie "aktiver Unterstützung des Feindes" verurteilt. Als die RUF-Truppen im Januar 1999 Freetown besetzten, war Roy aus dem Gefängnis freigekommen, nach ihrem Rückzug im Februar aber von Soldaten der ECOMOG-Truppen erneut verhaftet worden.

Sri Lanka

Atputharajah Nadarajah, Redakteur der Wochenzeitung Thinamurasu und Parlamentsmitglied für die oppositionelle "Demokratische Volkspartei von Eelam", wird am 9. November von einem Unbekannten ermordet. Die Thinamurasu unterstützte den moderaten Flügel der separatistischen "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (Liberation Tigers of Tamil Eelam, LTTE), deren Kampf gegen die Armee sich seit Mitte des Jahres wieder verschärft hatte.

Anura Priyantha Kooray und Indika Pathiniwasam, Mitarbeiter der Sender Independent Television Network bzw. Sirasa Television gehören zu den 21 Todesopfern des Selbstmord-Bombenattentats auf eine Wahlkampfkundgebung der Regierungspartei "People's Alliance" (PA) anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Colombo am 18. Dezember. Hinter der Tat vermutet die Polizei Seperatisten der LTTE. Unter den zahlreichen Verletzten befindet sich auch Präsidentin Chandrika Kumaratunga.

Tschetschenien

Am 29. Oktober erliegt Supian Ependijew den Folgen seiner schweren Verletzungen durch Schrapnellgeschosse. Der Korrespondent der Zeitung Grosnenski Rabotschi war zwei Tage zuvor verwundet worden, als in Grosny ein belebter Marktplatz mit Raketen angegriffen wurde. Laut "Stiftung zur Verteidigung von Glasnost" ist Ependijew der erste Journalist, der dem zweiten Tschetschenien-Krieg zum Opfer fällt.
Während der ersten Krieges von November 1994 bis September 1996 starben 20 Journalistinnen und Journalisten.

Ramsan Mejidow, freier TV-Journalist und für den Moskauer Fernsehsender TV Zentr im tschetschenischen Kriegsgebiet unterwegs, stirbt bei einem Angriff auf einen Flüchtlingskonvoi. Sein Kollege Schamil Gigajew, Kameramann für den unabhängigen TV-Sender Nokhcho in Grosny, gehört ebenfalls zu den Opfern. Zeugenberichten zufolge feuern russische Flugzeuge auf der Straße zwischen Grosny und der inguschetischen Hauptstadt Nasran sieben Raketen auf den Konvoi ab und treffen dabei einen voll besetzten Bus. Die beiden TV-Reporter verlassen ihr Fahrzeug, um die Verheerungen der Attacke zu filmen - in diesem Augenblick schlägt eine weitere Rakete ein.

Türkei

Ahmet Taner Kislali, Kolumnist der Tageszeitung Cumhuriyet, wird am 21. Oktober durch ein Bombenattentat ermordet. Der Sprengsatz ist mit einer Zeitung kaschiert und auf der Windschutzscheibe von Kislalis Auto befestigt. Als er die Zeitung wegnimmt, explodiert die Bombe. Kislali erleidet Verletzungen im Gesicht und an der Brust, sein linker Arm wird abgerissen. Im Krankenhaus kann nur noch sein Tod festgestellt werden. Die Identität der Attentäter bleibt unklar. Sicherheitskräfte behaupten wenig später, die islamistische Untergrundorganisation "Große Östliche Islamische Angriffsfront" habe sich zu dem Anschlag auf den kemalistischen Hardliner bekannt, doch andere Beobachter halten auch eine Intrige der Sicherheitsdienste für möglich. Kislali war als überzeugter Säkularist und als Kritiker der islamistischen Bewegung in der Türkei bekannt. Neben seiner Arbeit für Cumhuriyet lehrte er am Institut für Politische Wissenschaften an der Universität in Ankara. In den späten 70ern war er Kulturminister und Mitglied des Parlaments.


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