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Getötete Journalistinnen und Journalisten 1998

Afghanistan

Mahmoud Saremi, Korrespondent der amtlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA in der nordafghanischen Stadt Mazar-i-Sharif, verschwindet am 7. August spurlos, nachdem die Taliban erneut die Kontrolle über die Stadt gewonnen haben. Nach Angaben iranischer Behörden wurde der Journalist gemeinsam mit zehn iranischen Diplomaten in die südlich gelegene Stadt Kandahar gebracht, die Taliban-Milizen bestritten die Gefangennahme. Anfang September erklärt amnesty international unter Berufung auf verschiedene übereinstimmende Quellen, der Journalist und die Diplomaten seien im iranischen Konsulat von Mazar-i-Sharif getötet worden. Ihre Leichen hätten dort zwei Tage lang gelegen und seien dann in ein Massengrab geworfen worden. Am 11. September bestätigen die Taliban den Tod Mahmoud Saremis und den von mindestens acht anderen Iranern.

Äthiopien

Abay Hailu, Journalist der privaten Wochenzeitung Agiere und ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Welafen, stirbt am 9. Februar im Krankenhaus Menilik in Addis Abeba. Er war am 22. Februar 1997 verhaftet und am Jahresende zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil er 1995 in Welafen einen Artikel mit der Überschrift: "Addis Abeba droht ein Angriff islamischer Fundamentalisten" veröffentlicht hatte. Aufgrund der miserablen Haftbedingungen im Zentralgefängnis Kerchiele verschlechtert sich Abay Hailus Gesundheitszustand, und er wird im November 1997 mit einer Lungenentzündung in das Gefängnishospital eingewiesen. Zwei Monate später wird er entlassen, obwohl die Erkrankung nicht ausgeheilt ist. Erst Wochen später, als sein Zustand sich extrem verschlimmert, bringt man ihn ins Menilik-Krankenhaus. Fünf Tage später ist er tot.

Bangladesch

Am 30. August erschießen Unbekannte Shaiful Alam Mukul, Chefredakteur der Tageszeitung Dainik Runner, auf dem Nachhauseweg. Die in Jessore erscheinende Zeitung war bekannt für ihre Kritik an den Politikern Bangladeshs und hatte Korruptionsfälle bei lokalen Persönlichkeiten aufgedeckt. Zudem widmete das Blatt wöchentlich eine Seite dem Thema Menschenrechte. Die Zeitung hatte am 16. Juni ihr Erscheinen einstellen müssen, nachdem die örtlichen Behörden die Veröffentlichung von Anzeigen verboten hatten. Nach Recherchen der Menschenrechtsorganisation Coordination Council for Human Rights in Bangladesh (CCHRB) war die geplante Neuherausgabe der Zeitung der Grund für die Ermordung von Shaiful Alam Mukul. Das CCHRB kritisiert die unzureichenden polizeilichen Ermittlungen, Unregelmäßigkeiten im Bericht des untersuchenden richterlichen Beamten sowie Fehler der Justizbehörden und kommt zu dem Schluß, daß "all diese Informationen (...) darauf hinweisen, daß hochgestellte Persönlichkeiten in den Mord verwickelt sind."

Brasilien

Der Chefredakteur der in Itabuna im Staat Bahia erscheinenden Tageszeitung A Região, Manoel Leal de Oliveira, stirbt am 14. Januar, als drei Killer sechs Schüsse auf ihn abfeuern. Zwei Zeugen geben an, die Mörder gesehen zu haben, doch die Polizei veröffentlicht keine Phantombilder. 1997 hatte die Zeitung mehrere Artikel veröffentlicht, die Gouverneur Paulo Souto, Senator Antonio Carlos Magalhes und vor allem den Bürgermeister von Itabuna, Fernando Gomes sowie den örtlichen Polizeichef Gilson Prata der Korruption beschuldigten. Am 26. März macht der nationale Journalistenbund FENAJ ein Fax der ehemaligen Justizministerin Iris Resende publik, das drei Tatverdächtige nennt: Marcone Sarmento, ein mutmaßlicher Auftragskiller, nach dem seit 1995 gefahndet wird, Mozart da Costa Brasil, Polizeibeamter aus Salvador de Bahia und früherer Leibwächter des Bürgermeisters von Itabuna und Roque de Tal, ein Polizeiinformant aus Salvador. Ein inoffizieller Bericht, erstellt von Polizisten, die mit dem Sohn des Journalisten befreundet sind, nennt dieselben Namen. Zwei der Verdächtigen wurden inzwischen festgenommen, ihre Auftraggeber dagegen blieben unbehelligt.

Georgien

Am 27. Mai wird Georgy Chanya, Korrespondent der in Tiflis erscheinenden Tageszeitung Resonance, in der abchasischen Gali-Region (Zentralgeorgien) ermordet. Vermutlich folgte der 25jährige Journalist einer georgischen paramilitärischen Gruppe, die in einen von abchasischen Unabhängigkeitskämpfern gelegten Hinterhalt geriet. In der autonomen Republik Abchasien, die sich 1992 von Georgien trennte, kommt es trotz des 1994 geschlossenen Waffenstillstandsabkommens und des Einsatzes von Friedenstruppen immer wieder zu Kämpfen zwischen Rebellen und Paramilitärs.

Iran

Am 9. Dezember wird die Leiche von Mohammad Mochhtari aufgefunden - allem Anschein nach stranguliert. Der in liberalen Oppositionskreisen einflußreiche Schriftsteller galt seit dem 3. Dezember als vermißt. Zuvor war er bereits mehrfach verhaftet worden. Er schrieb regelmäßig für zahlreiche liberale Zeitungen und war bekannt für seine Kritik an der Regierung und die Forderung nach Reformen. Der Mitbegründer des unabhängigen iranischen Schriftstellerverbands unterzeichnete 1994 den Appell von 134 Intellektuellen für mehr Presse- und Meinungsfreiheit im Iran.

Kanada

Der Chefredakteur der Zeitung Indo-Canadian Times, Tara Singh Hayer, wird am 18. November vor seinem Haus in Surrey, einem Vorort von Vancouver, erschossen. Die Polizei vermutet, daß der Tatverdächtige in Verbindung mit zwei Organisationen steht, die für einen unabhängigen Sikh-Staat in Indien kämpfen. Tara Singh Hayer, selbst Mitglied der Religionsgemeinschaft der Sikhs, hatte in seinen Artikeln einen moderaten Standpunkt zu dem tiefen Konflikt innerhalb der Sikh-Gemeinde vertreten. Nachdem ihn religiöse Führer in Indien quasi exkommuniziert hatten, verübten Unbekannte 1988 einen Mordanschlag auf ihn, den er schwerverletzt überlebte; seitdem war er gelähmt. Trotz weiterer Todesdrohungen verzichtete er aber auf Polizeischutz.

Kolumbien

Mit drei Kopfschüssen wird Oscar García Calderon, Stierkampfreporter der Tageszeitung El Espectador, am 22. Februar in Bogotá ermordet. Nach Aussagen eines Kollegen hatte Oscar García Calderon ihm geholfen, ein Gespräch mit einem Staatsanwalt zu arrangieren, um ihn über Verbindungen zwischen Organisierter Kriminalität und Funktionären des Stierkampfsports zu informieren.

Am 16. April wird Nelson Carvajal, Journalist bei Radio Sur und Grundschullehrer in der südwestlich von Bogotá gelegenen Stadt Pitalito, erschossen. Der Mörder, ein mit einem Revolver bewaffneter junger Mann, wartet am Ausgang der Schule. Seine Kollegen vermuten, daß Carvajals Ermordung mit seinen Nachforschungen zu Korruptionsvorwürfen gegen ehemalige Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Zusammenhang steht.

Bernabé Cortés vom Fernsehkanal Telepacífico ist am 19. Mai in Cali mit dem Taxi auf dem Weg zu einem Informanten, als drei gedungene Mörder das Feuer auf den Wagen eröffnen. Der Journalist und der Fahrer sind sofort tot. Die Regierung hat eine Belohnung von 50 Millionen Pesos (40.000 US-Dollar) für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung der Täter führen. Bernabé Cortés recherchierte Verbindungen zwischen Politikern und Drogenhändlern sowie zu Überfällen der Guerrilla und von paramilitärischen Gruppen verübten Massakern in der von Kämpfen erschütterten Region Valle del Cauca.

Schüsse aus kürzester Entfernung töten am 11. August Luz Amparo Jiménez Payares, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Nicht-Regierungsorganisation Redepaz (Netzwerk von Initiativen für Frieden und gegen den Krieg). Einige Tage später verhaftet die Polizei einen Verdächtigen, der zugibt, 35.000 US-Dollar für den Mord erhalten zu haben. Die Auftraggeber sind bisher nicht ermittelt, doch richtet sich der Verdacht auf rechtsextreme paramilitärische Gruppen. Luz Amparo Jiménez Payares hatte ihre Arbeit bei Redepaz - unter anderem Weiterbildungskurse für Journalisten über Friedens- und Menschenrechtsthemen - erst kurz zuvor begonnen. Bereits im August 1996 war sie bedroht worden: Nachdem sie einen Artikel über die Vertreibung von Dorfbewohnern der Region von César geschrieben hatte, nahm die Polizei sie fest und verlangte - erfolglos - die Herausgabe der Fotos, die sie bei den blutigen Zusammenstößen aufgenommen hatte. Kurz darauf war sie von Mitgliedern einer paramilitärischen Gruppe über eine Stunde lang festgehalten und mit dem Tode bedroht worden, zudem stahl man ihr die Ausrüstung.

Kongo

Am 29. August wird der Journalist Fabien Fortuné Bitoumbo in der 100 Meilen südlich der Hauptstadt Brazzaville gelegenen Stadt Mindouli ermordet, als er über den Besuch des Ministers für Bergbau und Industrie, Michel Mapouya, in der Region berichtet. Mitglieder der als "Ninjas" bekannten Miliz des berüchtigten Polit-Hasardeurs Bernard Koléas protestieren während des Besuchs. Als die Polizei einschreitet, nehmen sie Journalisten aus der Delegation des Ministers als Geiseln. Zwölf Stunden später erschießen sie Fabien Fortuné Bitoumbo, lassen die anderen Journalisten frei und flüchten in die Wälder. Mehrere Beobachter stimmen darin überein, daß die Mörder ihr Opfer gezielt ausgewählt haben: Bitoumbo war ehemaliger Chefredakteur der Bernard Koléas nahestehenden Wochenzeitung La Rue Meurt, hatte dort aber wegen Differenzen mit den Herausgebern gekündigt und arbeitete seitdem für Radio Liberté und die Wochenzeitung Le Gardien, die beide für ihre Nähe zu der von Koléas bekämpften Partei des Präsidenten Denis Saasou Nguesso bekannt sind.

Mexico

Luis Mario García, Gerichtsreporter der Tageszeitung La Tarde, verläßt am 13. Februar nach einem Treffen mit dem Generalstaatsanwalt das Justizgebäude in Mexiko City, als vier Männer ihn mit insgesamt neun Schüssen aus automatischen Pistolen niederstrecken. García hatte zuvor telefonisch Morddrohungen erhalten. Der Autor mehrerer Berichte über Korruption in den Reihen der Polizei kam aus dem Staat Sonora; in dieser an die USA grenzenden Region floriert der Drogenhandel. 1997 war García nur knapp einem Mordanschlag entgangen, der dem Drogenkartell der Arellano-Felix-Brüder aus Tijuana zugeschrieben wird. Am 16. Dezember findet man im westmexikanischen Staat Jalisco die Leiche von Philip True, Korrespondent der San Antonio Express-News in Mexiko City. True, der an einem Bericht über die Huichol-Indianer arbeitete, wurde zu diesem Zeitpunkt bereits seit einer Woche vermißt. Die Polizei verhaftet am 26. Dezember die beiden Indianer Juan Chivarras de la Cruz und Miguel Hernandez de la Cruz, die zugeben, die Kamera des Journalisten gestohlen und ihn erdrosselt zu haben - angeblich wollten sie verhindern, daß er Fotos von ihrer Dorfgemeinschaft macht. Die beiden Angeklagten erwartet im Fall eines Schuldspruchs eine 50jährige Gefängnisstrafe.

Philippinen

Reynaldo Bancayrin, Mitarbeiter des Radiosenders DXLL im südphilippinischen Zamboanga, moderiert am 30. März sein tägliches Live-Programm, als zwei Unbekannte ins Studio eindringen. Einer der Angreifer hält Bancayrins Kollegen mit vorgehaltener Waffe in Schach, sein Komplize ermordet den Journalisten mit zwei Kopfschüssen. Beide Täter können entkommen. Am nächsten Tag veröffentlicht die Polizei Phantombilder und setzt 25.000 Pesos (ca. 600 US-Dollar) Belohnung für sachdienliche Hinweise aus. Zwei Tage später fordert Präsident Fidel Ramos "die Nachforschungen zu intensivieren, um die Schuldigen zu finden und vor Gericht zu stellen". Am 19. Juli nimmt die Polizei schließlich einen Verdächtigen fest, der die Teilnahme an dem Mord gesteht; bislang sind die Ermittlungen aber nicht abgeschlossen. Journalisten, die mit Bancayrin zusammenarbeiteten, weisen darauf hin, daß ihr Kollege die lokalen Behörden immer wieder scharf wegen Korruption und illegaler Absprachen mit Holzhändlern sowie Zusammenarbeit mit Drogendealern angegriffen hatte. 1995 hatte Bancayrin zudem Todesdrohungen von einer fundamentalistisch-islamistischen Organisation erhalten.

Rußland

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juni wird Larissa Yudina, Chefredakteurin der Tageszeitung Sowietskaja Kalmykia, entführt und ermordet. Berichten zufolge trifft sie sich am Abend des 7. Juni mit einem angeblichen Mitarbeiter der Agentur für Zusammenarbeit und Entwicklung im Präsidentenbüro, der ihr Beweismaterial über die Unterschlagung öffentlicher Gelder angeboten hatte, in die auch Präsident Kirsan Iljumschinow verwickelt sei. Am Morgen findet die Polizei Larissa Yudinas Leiche, die zahlreiche Stichwunden aufweist, in einem See in Elista, der Hauptstadt der autonomen Republik Kalmykien (Südrußland). Larissa Yudina hatte anderthalb Jahre lang Material über die angeblich mit dem Präsidenten liierte Firma "Aris" gesammelt, die Steuererleichterungen für Unternehmensansiedlungen vergibt. Sie berichtete auch von Schmiergeldern betreffender Firmen an lljumschinow. Eine Woche nach dem Mord gestehen zwei ehemalige Beamte des Präsidentenbüros ihre Beteiligung an dem Verbrechen, zwei weitere, ebenfalls geständige Verdächtige werden noch im selben Monat verhaftet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Nordkaukasus ist die Täterschaft dieser vier für den Mord an Larissa Yudina erwiesen. Am 30. Juni erklären die Ermittler zudem, Larissa Yudina sei offenbar wegen ihrer journalistischen Arbeit ermordet worden.

Am 20. August wird Anatoli Levin-Utkin, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung Juridischeskj Petersburg Sewodnja, schwer verletzt im Treppenaufgang seines Hauses in St. Petersburg aufgefunden. Eine Gruppe Unbekannter hatte ihn brutal zusammengeschlagen und seine Aktenmappe mit Artikeln und Fotonegativen gestohlen. Am 24. August erliegt er seinen Verletzungen. Kurz vor dem Überfall hatte die Zeitung eine Reihe von Artikeln über den Kampf zwischen verschiedenen mit einflußreichen Politikern verbundenen Finanzgruppen in St. Petersburg veröffentlicht und außerdem den Abschlußbericht einer Untersuchung über unlautere Machenschaften in der Zollbehörde publik gemacht. Mehrfach verlangten hochrangige Beamte telefonisch von der Redaktion die Namen der Informanten. Nach Meinung des Chefredakteurs Alexej Domnine hängt der Angriff auf seinen Kollegen mit diesen Artikeln zusammen: "Sie wollten ihn wahrscheinlich nur einschüchtern und bedrohen, um etwas über unsere Recherchen zu erfahren", vermutet er, "aber Anatoli war kein Mensch, der sich leicht einschüchtern ließ, also haben sie ihn umgebracht.

Sierra Leone

Eddie Smith, Korrespondent der BBC, kommt am 13. April bei einem Feuergefecht ums Leben. Der Journalist begleitet einen Konvoi der Westafrikanischen Eingreiftruppe ECOMOG im Osten des Landes, als dieser in einen Hinterhalt des Armed Forces Revolutionary Council (AFRC) der Militärjunta gerät. Seit die AFRC im Mai 1997 Sierra Leone für nahezu ein Jahr unter ihre Kontrolle brachte, hatte Smith regelmäßig aus den beiden nordöstlichen Regionen Makeni und Kono berichtet.

Thailand

Am 10. Januar wird in der zentral-thailändischen Stadt Phichit Sayomchai Vijitwittayapong, Journalist bei der Tageszeitung Matichon, tot in seinem Auto aufgefunden. Tags zuvor wollte er einen mysteriösen Informanten treffen. Im vorhinein hatte der Journalist ein anonymes Bestechungsgeld von 150.000 Baht (5.450 US-Dollar) ausgeschlagen, für das er seine Recherchen über Korruption in einem Bewässerungsprojekt einstellen sollte. Am 15. Januar geben die thailändischen Behörden die Festnahme zweier Polizeibeamter und eines ehemaligen Dorfvorstehers als möglicher Hintermänner des Verbrechens bekannt. Alle drei sind der Verbindungen zum Organisierten Verbrechen verdächtig. Die Behörden gehen aber davon aus, daß noch weitere Personen in den Mord verwickelt sind. Das Gerichtsverfahren soll im Frühjahr 1999 beginnen.


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