Rundbrief 41, Juni 2001ROG Homepage
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Syrien:

Nizar Nayyuf entlassen

Nizar Nayyuf wurde am 6. Mai 2001 nach neun Jahren Haft entlassen, aber unter Hausarrest gestellt. Seine Entlassung erfolgte während des Papstbesuches in Syrien auf Anweisung von Präsident Baschar al-Assad. Der Journalist leidet an den Folgen der Folter und kann nur mit Hilfe von Krücken gehen. Er ist zudem krebskrank und erhält keine adäquate medizinische Versorgung. Nizar möchte in Deutschland oder Frankreich behandelt werden, darf aber das Land nicht verlassen. Ein Mitarbeiter von Reporter ohne Grenzen besuchte ihn im Haus seiner Eltern nahe der Küstenstadt Lattakia:

Umgeben von seinen Eltern und drei Brüdern, empfängt der Journalist zahlreiche Besucher, manche kommen von weit her. Ich bin die erste Ausländerin.

An den Wänden des Hauses hängen Bilder, die Nizar im Gefängnis von Mezze gemalt hat. Dort hatte er viel mehr Freiheit als in den anderen Haftanstalten. Ein Bild zeigt seine Tochter Sara hinter Gittern. "An jenem Tag im Dezember 1991, als die Polizei kam, war ich nicht zuhause. Sie verhafteten meine Tochter und meine Frau und sperrten sie ein, bis ich mich einige Tage später stellte", erinnert er sich. "Das Bild symbolisiert das Unglück aller Kinder, deren Eltern inhaftiert sind."

Nizar Nayyuf zeichnete auch viele sehr kritische Karikaturen gegen das Militärregime, das seit 30 Jahren in Syrien herrscht. Eine davon zeigt eine halb offene Sardinenbüchse, in der Körperteile eingezwängt sind. "Sardinen aus Menschenfleisch, produziert von der Assad-Gesellschaft", steht nebem dem Foto des verstorbenen Präsidenten auf dem Deckel. Der Mann hat vor nichts Angst.

Der Journalist schläft wenig und raucht viel. Nach einem Hungerstreik von fast einem Monat, den er noch in Haft begonnen hatte, hat er dank der Küche seiner Mutter wieder zugenommen. Aber er kann sich nur mit Krücken fortbewegen. Diese Krücken hat er selber gemacht aus Besenstielen und anderem Material, das er durch Bestechung von seinen Wärtern ergattern konnte. Sein Körper trägt Brandnarben von Zigaretten, die man auf seinem Rücken ausgedrückt hat. Aber das Schlimmste ist unsichtbar: 1997 diagnostizierten Ärzte Krebs.

Heute sorgt sich der Journalist wegen seines Gesundheitzustandes. Er hofft auf medizinische Hilfe im Ausland; er hat kein Vertrauen in die einheimische Medizin. Aber man hat ihm verboten, das Land zu verlassen.

Jeden Tag wenden sich Nizar und seine Brüder an internationale Menschenrechtsorganisationen oder Institutionen, mit der Bitte, Druck auf die syrischen Machthaber auszuüben.

Es geht nur um eines: einen Pass."Ich möchte in Deutschland oder Frankreich behandelt werden."

Wenn Nizars Vater ihn warnt, er sei verrückt, der arabischen Presse so viele Interviews zu geben, SIE würden ihn töten, schaut ihn sein Sohn verbittert an: "Na und wenn schon. Ich habe nichts zu verlieren." Er ist zwar frei, aber er hört nicht auf. Schließlich hat er schon im Gefängnis den Handel der Mächtigen abgelehnt: seine Freiheit gegen sein Schweigen. Der Mann ist eigensinnig.

Am Abend geht Nizar in den mit Weinreben bewachsenen Garten. Er bewegt sich mühsam mit seinen Krücken. Sein Blick streift über den Horizont. Und er sucht nach seiner Zukunft.

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