Rundbrief 37, Oktober 2000ROG Homepage
ArchivIndexVolltextsucheweiter

Serbien:

Freie Medien nach der Oktoberrevolution ?

Die Ereignisse überschlagen sich an diesem 5. Oktober. Die Polizei setzt sich den Demonstranten kaum noch zur Wehr, und am frühen Abend wendet sich der designierte jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica vom Balkon des Parlamentsgebäudes an hunderttausende Demonstranten mit den Worten "Guten Abend, befreites Serbien".

Dabei hatte das Regime Slobodan Milosevic im Vorfeld der Wahlen und auch danach versucht, mit allen Mitteln die Aktivitäten der Opposition, der unabhängigen Medien und der Nichtregierungsorganisationen in Serbien auszuschalten. Der Diktator hatte alles getan, was ihm auch bei den Kommunalwahlen 1996 zur Machterhaltung reichte: Änderung der Verfassung und Wahlgesetze, Gleichschaltung der Information, Verbot und Schikanierung unabhängiger Medien, Hasspropaganda gegen regimekritische Journalisten, die als "Vaterlandsverräter" und "CIA-Spione" bezeichnet wurden, Freiheitsstrafen für Dissidenten.

"Guten Abend, befreites Serbien"

Doch im Unterschied zu den Kommunalwahlen 1996 war die Opposition diesmal besser organisiert. Der Schlüssel war nicht allein die Macht der Massen in den Straßen; durch den Ausruf eines Generalstreiks wurden auch Arbeitende aus Industrie und Medien im Kampf gegen das Regime gewonnen. Das Verwirrspiel des Verfassungsgerichts, der offiziellen Wahlkomission und der staatstreuen Medien um die Wahlergebnisse vom 24. September wurde von Tag zu Tag absurder.

Vor allem die Entwicklung innerhalb der regimetreuen Medien dramatisiert sich in den Vortagen des 5. Oktober: 300 Angestellte des größten Fernseh- und Radiosenders in Serbien (RTS Belgrad) legen ihre Arbeit nieder und verlangen eine grundlegende Änderung der Redaktionspolitik. Ähnliche Forderungen stellen Streikende von RTS Novi Sad: Sie seien "nicht länger bereit, die Öffentlichkeit zu betrügen". Etliche Journalisten der Tageszeitung Vecernji Novosti verlangen von ihrer Chefredaktion eine "Rückkehr zu den elementaren ethischen und professionellen Prinzipien des Journalismus". Auch Angestellte der Tageszeitung Politika, der Sender TV Studio B, Kraljevo TV und RTS Uzice sowie zahlreicher landesweiter Radiostationen fordern Veränderungen in der Redaktionspolitik ihrer Anstalten, die Anerkennung von Kostunicas Wahlsieg und eine objektive Berichterstattung.

"Wir sind nicht länger bereit, die Öffentlichkeit zu betrügen"

Am späten Abend des 5. Oktober meldet dpa, dass fast alle der über ein Dutzend Fernsehsender in Belgrad nicht länger der Kontrolle des zusammenbrechenden Regimes unterstehen. RTS sendet am gleichen Abend ein Interview mit "Präsident" Vojislav Kostunica und berichtet zum ersten Mal seit zehn Jahren positiv über die Aktionen der Opposition.

"Tanjug ist auf Seiten des Volkes"

Auch eine der letzten Bastionen von Milosevic' Medienimperium stürzt an diesem Abend: Die Nachrichtenagentur Tanjug beschließt nach einem Streik von mehr als 50 ihrer Mitarbeiter und angesichts der Ereignisse des Tages, in Zukunft "objektiv" zu berichten: "Tanjug ist auf Seiten des Volkes".

Kritische Stimmen behaupten, die Umwälzungen in den einst Milosevic-treuen Medien ließen sich am besten als Opportunismus verängstigter Journalisten verstehen. Schließlich hatten sie in den vergangenen Wochen einen dramatischen Vertrauensverlust ihres Publikums zu verzeichnen, das sich zunehmend bei unabhängigen nationalen oder internationalen Medien informierte. Welche personellen Konsequenzen dies bei den früheren Handlangern von Milosevic' Propagandamaschinerie haben wird, bleibt abzuwarten.

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


Homepage | Aktuell | Archiv | Volltextsuche | Rundbrief 37 | weiter ]

© Reporter ohne Grenzen e.V.
Webmaster: Martin Mair

ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/