Rundbrief 37, Oktober 2000ROG Homepage
zurückArchivIndexVolltextsucheweiter

Kroatien:

Seit dem Tod des nationalistischen Präsidenten Franjo Tudjman im Dezember 1999 und dem Sieg der Opposition bei den Parlamentswahlen Anfang des Jahres hat sich Kroatiens Medienlandschaft entscheidend verändert. "Dies macht sich weniger in den Gesetzen als in der Atmosphäre bemerkbar", sagt der Präsident der kroatischen Journalistenvereinigung, Dragutin Licic. In der Tudjman-Ära hätten die Journalisten in einer "Atmosphäre der Angst" gearbeitet. Das sei nun vorbei.

Seit die sozial-liberale Koalitionsregierung das südosteuropäische Land führt, gibt es keine politisch motivierten Anklagen gegen Journalisten mehr. Zwar gehen noch viele der rund tausend gegen kritische Medien eröffneten Verfahren weiter, aber nach Einschätzung der renommierten Medienanwältin Alla Buric werden sie leise auslaufen. Die hohen Geldstrafen der Tudjman-Zeit drohen nicht mehr. Das spektakuläre Verfahren gegen die oppositionelle Satirezeitung Feral Tribune wegen Beleidigung des Präsidenten wurde bereits im Frühjahr eingestellt. Nach Tudjmans Tod wollte dessen Familie den Prozess nicht weiterführen, so dass ein Berufungsgericht das Verfahren beendete. Verteidigerin Buric findet das unbefriedigend – sie hätte sich die Weiterführung und einen echten Freispruch für die Journalisten der Zeitung gewünscht.

"Tudjman hob den Telefonhörer auf und ließ Chefredakteure rauswerfen. Die heutige Regierung kritisiert gleichberechtigt", unterstreicht Sasa Milosevic, Medienbeauftragter des von George Soros finanzierten "Open Society Institute" in Zagreb. Das Institut hat nach seinen Worten während der nationalistischen Präsidentenjahre kritische Medien mit rund 50 Millionen US-Dollar den Rücken gestärkt. Da gab es Unterstützung für Feral Tribune, für lokale Radiostationen, aber auch die Journalistenvereinigung: "Wir haben jede kritische Stimme gefördert."

Seit dem Regierungswechsel wird der Geldhahn zugedreht. Nun müssen sich alle Zeitungen am Markt bewähren, was vor allem für Feral Tribune bei kleiner Auflage und großen Finanzproblemen ein Überlebenskampf ist.

Schleppend verläuft bisher die Umwandlung der Staatsmedien. Vor allem der Radio- und Fernsehsender HRT, mit mehr als 80 Prozent Zuschaueranteil das bedeutendste Medium, muss sich verändern. Mit seinen 3000 Angestellten war das Fernsehen das wichtigste Propaganda-Instrument des alten Regimes. Direktor Mirko Galic hat nach seiner Ernennung durch das Parlament nur wenige Linientreue der früheren Regierungspartei HDZ abgesetzt und erntet dafür bei vielen Kollegen harsche Kritik. Doch er will nach eigenen Worten eine "Hexenjagd" vermeiden und vor allem jüngeren Journalisten eine "zweite Chance" in neuer Freiheit geben. Die Regierung hat ihm Unabhängigkeit für den Sender zugesichert, doch in Zagreber Journalistenkreisen gilt das Fernsehen immer noch als zu regierungsnah. Im Parlament laufen noch die Beratungen über das neue Rundfunkgesetz, dessen Gestaltung für die Unabhängigkeit von HRT entscheidend sein wird.

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


Homepage | Aktuell | Archiv | Volltextsuche | Rundbrief 37 | zurück | weiter ]

© Reporter ohne Grenzen e.V.
Webmaster: Martin Mair

ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/