Rundbrief 34, April 2000ROG Homepage
zurückArchivIndexVolltextsucheweiter

Iran:

"Wir schreiben über unsere eigenen Probleme"

Interview mit der iranischen Journalistin Parvin Ardalan

Parvin Najafgholi Ardalan geboren 1966, arbeitet als Journalistin im Iran für Zeitschriften wie Zanan (Frau) und war Mitarbeiterin von Jameeh, später Tous, schließlich Neshat, die alle im Laufe der beiden letzten Jahre verboten wurden. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Situation der Frau im Iran, im Besonderen auch die der Journalistinnen.

Parvin Ardalan arbeitete bis 1996 als Mitarbeiterin von Faradsch Sarkuhi bei der Literaturzeitschrift Adineh und wurde am gleichen Tag wie Sarkuhi, am 3. November 1996, verhaftet. Sie wurde der Spionage und Arbeit gegen die Islamische Republik beschuldigt. Auf Grund internationaler Proteste wurde sie freigelassen, jedoch unter strenge Aufsicht gestellt. Kurze Zeit später wurde sie wieder verhaftet und verbrachte zwei Wochen im Gefängnis. Nach ihrer Freilassung lebte sie mehrere Monate im Untergrund.

Neben zahlreichen Artikeln schrieb sie verschiedene Bücher, von denen jedoch nur zwei veröffentlicht wurden: "Jung wie das Grün eines Baumes" (zwei Kurzgeschichten, 1992) und "Mein Regen lässt das Licht nicht erlöschen" (Novelle, 1992).Das Buch "Blau wird zu Schwarz" wurde unter einem Pseudonym publiziert und eine Sammlung von Kurzgeschichten "Zwei Sonnen, ein Stern" verbot die Zensurbehörde 1995.

Parvin Ardalan wurde im Januar vom P.E.N-Zentrum Dänemark eingeladen und war auf Einladung von Reporter ohne Grenzen im März und April einige Wochen in Berlin.

Wie lange sind Sie schon Journalistin?

Seit rund zehn Jahren. Meine ersten Arbeiten machte ich für das Literaturmagazin Adineh. Aber seit rund drei Jahren habe ich im Iran keine Aufträge mehr bekommen.

Was genau war der Grund?

Ich weiß es eigentlich nicht, es gab nie eine Begründung. Ich habe neben Adineh immer auch für andere Zeitungen geschrieben, zum Beispiel über umwelt- oder frauenpolitische Themen. Aber während der Kampagne des Geheimdienstes gegen Faradsch Sarkuhi habe ich mit ihm zusammen gearbeitet, und damit begannen auch meine Probleme mit dem Informationsministerium. Nach der Verhaftung und der Zeit, in der ich mich verborgen hielt, konnte ich nicht mehr arbeiten. Mir wurde gesagt, ich solle alle Redaktionen, für die ich bis dahin gearbeitet hatte, davon unterrichten, dass ich dies künftig nicht mehr tun würde. Und die Leute vom Ministerium informierten auch alle meine Auftraggeber von dieser bevorstehenden Kündigung. Nur der tatsächliche Grund wurde natürlich nie genannt.

Sie wurden also unter Druck gesetzt, Ihre Arbeit aufzugeben, ohne dass es dafür irgend einen Beweis, eine Anordnung oder auch nur irgendein Schriftstück gegeben hätte?

Genau so ging es vor sich.

Und warum gingen Sie in den Untergrund?

Nachdem Faradsch Sarkuhi am Teheraner Flughafen verhaftet wurde, wurde auch ich festgenommen. Ich wurde verhört, und mir wurde angedroht, dass ich ins Gefängnis müsse. Sie verlangten von mir, dass ich zugebe, eine Beziehung mit Faradsch Sarkuhi gehabt zu haben, und obwohl ich das nicht tat, verbreiteten sie die Nachricht von dieser angeblichen Affäre überall, vor allem bei meinen Auftraggebern. Es spielt dabei ja gar keine Rolle, ob solch ein Gerücht wahr ist oder nicht. Selbst wenn es wahr wäre, dürfte solch eine Kampagne doch eigentlich nicht funktionieren; schließlich ist das doch eine rein private Angelegenheit.

Wie reagierten denn Chefredakteure, Herausgeber und Kollegen auf diese verdeckte Anordnung, Ihnen keine Arbeit mehr zu geben? Sie konnten sich doch wohl denken, welches Spiel Geheimdienst und Informationsministerium mit Ihnen trieben. Hat jemand versucht, sich zu widersetzen?

Bei Adineh weiß ich es nicht, mit dem neuen Besitzer hatte ich mich zerstritten und keinen Kontakt mehr. Die anderen haben eigentlich alle klargemacht, dass sie mit der Kampagne gegen mich nichts zu tun haben wollen und außerdem mein Privatleben respektieren. Aber wenn jemand vom Informationsministerium boykottiert wird, kann er als Journalist im Iran nicht arbeiten. Zum Beispiel haben die einzelnen Regierungsbehörden und die Ministerien keine eigene Pressestelle, alle offiziellen Informationen kommen aus dieser einen Quelle. Und indem den Redaktionen, natürlich informell, angekündigt wurde, dass ich kündigen würde, war auch völlig klar, was das heißt. Auch wenn sie damit nicht einverstanden waren, konnten sie dagegen kaum etwas unternehmen.

Was wäre passiert, wenn sie es doch getan hätten, wenn sie also weiter mit ihnen zusammen gearbeitet hätten? Wäre die betreffende Zeitung geschlossen worden?

Das hätte durchaus passieren können. Zu dieser Zeit war der Druck sehr groß. Heute kann man schon einmal Kritik am Informationsministerium üben, aber damals war das noch nicht möglich.

Wie war es für Sie, als Sie noch arbeiten konnten? Wie ist es generell für freie Journalisten im Iran: Kann man von dieser Arbeit überhaupt leben?

Nein, das kann eigentlich niemand. Fast alle Journalisten haben noch andere Jobs. Und es gibt ja auch für die Festangestellten keinerlei Unterstützung, wenn sie ihre Arbeit verlieren. Als Journalist im Iran hat man deshalb immer mit drei Arten von Problemen zu kämpfen: mit dem sozialen Druck, den politischen Repressialien und mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Und über alle drei muss man auch schreiben. Es ist eine schizophrene Situation: Wir berichten über unsere eigenen Probleme.

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


Homepage | Aktuell | Archiv | Volltextsuche | Rundbrief 34 | zurück | weiter ]

© Reporter ohne Grenzen e.V.
Webmaster: Martin Mair

ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/