Rundbrief 33, Februar 2000ROG Homepage
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Black or white ?

Wie sich Südafrikas neue Medienlandschaft entwickelt

Ob die Stabilisierung eines demokratischen Systems am Kap der guten Hoffnung gelingt, wird weit über die Grenzen Südafrikas hinaus die weitere Entwicklung beeinflussen. Grundlage für die Demokratie ist die Pressefreiheit. Wie sieht es damit aus?

Ein Bericht von ROG-Mitglied Jørgen Klußmann

Auf den ersten Blick scheint die südafrikanische Medienlandschaft vital, bunt und erstaunlich jung zu sein. Schon die Vielfalt der Sprachen macht die Mischung interessant. Der Hörfunk ist aufgrund seiner traditionell großen Verbreitung das wichtigste Medium; 91 Prozent der Bevölkerung geben an, regelmäßig Radio zu hören. Allerdings hat das Fernsehen in den letzten Jahren rasch aufgeholt.

Doch die scheinbare Vitalität täuscht. Wer einen Blick hinter die Kulissen wirft, entdeckt ein höchst widersprüchliches System, das nicht nur unter der Erbschaft des alten Apartheid-Regimes, sondern auch unter den Folgen der Globalisierung und Privatisierung zu leiden hat.

Da sind zunächst einmal die Folgen des Rassismus: So kam bei den Anhörungen der Wahrheitskommission unter anderem zu Tage, dass die South African Broadcasting Corporation (SABC) von Propaganda-Einheiten des Geheimdienstes und des Militärs unterwandert und dadurch praktisch gleichgeschaltet war. Zum Teil sitzen die entsprechenden Angestellten noch heute in ihren alten Positionen.

Neue Vorwürfe gegen die Medien enthält der Bericht der Menschenrechtskommision "Rassismus in den Medien", der von der Regierung in Auftrag gegeben wurde. Der Vorsitzende der Kommission, Barney Pityana, sagte in Johannesburg bei der Präsentation des Reports, die Journalisten seien sich ihrer Vorurteile oft gar nicht bewusst. Dem Bericht zufolge verbreiten die Medien insbesondere über die schwarze Bevölkerung noch immer häufig klischeehafte Darstellungen und bringen sie beispielsweise pauschal mit Kriminalität in Verbindung. Als Beispiel für Rassismus wurde eine Tageszeitung zititert, die getitelt hatte: "Bösartige Nigerianer sind für Gewalt verantwortlich" - Beleg für eine brisante Mischung aus Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Mit der Vorlage der Untersuchung tritt die Auseinandersetzung um die Rolle der Medien in Südafrika in eine neue Phase ein. Die Streitigkeiten entzünden sich unter anderem an der Frage, ob Schwarze Rassismus anders als Weiße definieren. Wie die regierungskritische Mail and Guardian im Vorfeld der eigentlichen Veröffentlichung herausfand, urteilt der Bericht über die Mainstream-Zeitungen, sie würden Präsident Thabo Mbeki als "weiteren machthungrigen, afrikanischen Diktator" darstellen. Phillip van Niekerk, Herausgeber der Mail and Guardian, meint dazu: "Diese absurde Generalisierung bestätigt unsere Ausgangsvermutung, die Untersuchung der Kommission könnte ein Angriffsversuch auf die unabhängigen Medien sein." In ihrer jüngsten Ausgabe druckte die Zeitung einen Artikel, in dem sie sich klar gegen Rassismus in der Berichterstattung auspricht.

Auch andere Blätter, wie der Citizen oder die Cape Times, verurteilten den Bericht. 30 Tage hatten die Medien Zeit, sich zu den Ergebnissen der Untersuchung zu äußern. Die Kommission kann Journalisten zur öffentlichen Anhörung vorladen. Bis zu 30 prominenten "Senior Journalists" droht dieses Schicksal.

Sicher ist, das die Anhörungen der Kommission Einfluss auf die neuen Pressegesetze haben werden. Kritiker befürchten, dass die jetzigen südafrikanischen Pressegesetze, die als die liberalste Rechtssprechung gelten, die das Land jemals hatte, arg zusammengestutzt werden könnten. Auch wenn das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen noch nicht fest steht, so sind doch bereits jetzt die Folgen eines ganz anderen Problems zu spüren. Anfang der 90-er Jahre begann eine Privatisierungswelle, die alle Medien erfasste. Die Printmedien haben unter den Folgen der Privatisierung und den wirtschaftlichen und politischen Veränderungen am meisten gelitten. Ein guter Teil der sich ausnahmslos in privater Hand befindlichen Verlagshäuser ging in Folge des wirtschaflichen Niedergangs zu Grunde, während sich eine neue schwarze Presse entwickelte. Von der sogenannten alternativen Presse ist einzig die Weekly Mail übrig geblieben, die aber auch nur mit Unterstützung des englischen Guardian überleben konnte und nun Mail and Guardian heißt.

Beim Rundfunk regelt dagegen die Information Broadcasting Association (IBA) die Besitzverhältnisse. Eine Rundfunk-Beschwerdekommission beobachtet die Programminhalte und wertet Beschwerden aus. Etwa 80 Community-Radios haben derzeit eine Lizenz. Rund 120 weitere warten auf eine Genehmigung. Doch die Verfahren ziehen sich hin. Kritiker vermuten hinter den Verzögerungen einen Versuch, die Lokalradios stärker unter den Einfluss der Regierung zu bringen.

Den Schlüssel zur Lösung der Probleme glauben Hugh Lewin, Leiter des Institute for the Advancement of Journalism und Hannes Siebert, Leiter des Peace Media Centre in der Verbesserung des Ausbildungssystems gefunden zu haben. Und in der Tat ist das wahrscheinlich größte und wichtigste Problem der Medien derzeit die katastrophale Ausbildungssituation. Neben einem Universitätsdiplom bieten nur eine Handvoll privater Ausbildungsinstitute Aufbaukurse und Weiterbildung, deren Qualität sicher hinterfragt werden darf. Der Employment Equity Act verpflichtet darüber hinaus alle Firmen, eine Quote an schwarzen und farbigen Arbeitnehmern zu erfüllen. So ist die Nachfrage nach den wenigen ausgebildeten schwarzen Fachjournalisten ungeheuer groß. Hier ist eine Chance für den Nachwuchs, wenn es ihn denn gäbe.

Auch Chris Vick, der für das Governmental Communication System, eine Art Bundespresseamt, arbeitet, ist der Meinung, dass die Qualität gelitten hat. Unter dem Apartheid-Regime hat es seiner Meinung nach eine klare Rollenverteilung gegeben, die progressive Presse als Mahner und Enthüller auf der einen Seite und das Unterdrückungsregime auf der anderen Seite. Heute dagegen "interessieren sich die Leute nicht mehr so sehr für Politik. Sie wollen nichts mehr von Gewalt, Not und Elend hören."

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