Rundbrief 29, Juni 1999ROG Homepage
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Kolumbien

Guerilla, Drogenmafia und korrupte Politiker

In einem mehrseitigen Schreiben an den kolumbianischen Staatspräsidenten Andrés Pastrana hat Reporter ohne Grenzen am 23. Juni die tiefe Besorgnis um die Situation der Pressefreiheit in dem lateinamerikanischen Land zum Ausdruck gebracht. Nach Angaben der kolumbianischen "Stiftung Pressefreiheit" wurden in den letzten 20 Jahren insgesamt 120 JournalistInnen getötet. Seit 1995 wurden nach den uns vorliegenden Erkenntnissen 18 JournalistInnen ermordet, insgesamt 20 entführt, mindestens 50 weitere bedroht oder attackiert, zwei ins Exil gezwungen. Neun Medien waren Ziel von Attentaten oder versuchten Bombenanschlägen. Die größten Gefahren gehen dabei zum einen von der Guerilla und den paramilitärischen Gruppen aus, zum andern von der Drogenmafia. Die dritte große Bedrohung erwächst aus der Korruption in bestimmten politischen Kreisen.

Den sich gegenseitig bekämpfenden bewaffneten Gruppen (FARC, ELN und AUC) können mindestens drei Morde an Journalisten angelastet werden, die von ihnen beschuldigt wurden, auf der jeweils "anderen Seite" zu stehen. Zudem gehen fünf der neun Attentate auf das Konto dieser Gruppen, und auch für die meisten Entführungen sind sie verantwortlich. Oft sollten so die Medien gezwungen werden, Verlautbarungen der Kombattanten zu veröffentlichen. Die Methoden des organisierten Verbrechens stehen dem in nichts nach. Bei zwei Mordanschlägen ist ein direkter Zusammenhang mit dem Drogenhandel nachzuweisen, in anderen Fällen haben die Ermordeten über Drogenhandel, Geldwäsche und Hintermänner in ihrer Region recherchiert, was im Fall von Bernabé Cortes und Oscar García Calderon nachweisbar ist. Drei weitere Journalisten wurden Ziel von Attentaten, nachdem sie sich für eine Auslieferung der Drogenhändler an die USA ausgesprochen hatten. Zwei traurige Beispiele dafür, daß Journalisten für Veröffentlichungen über Korruptionsskandale ihr Leben riskieren, sind Nelson Carvajal und Jairo Elías Marqués. Der Lehrer und Radioreporter Carvajal hatte über Korruptionsfälle in der früheren lokalen Verwaltung berichtet. Am Ausgang der Grundschule, wo er auch unterrichtete, erwartete ihn ein junger Mann und tötete ihn mit mehreren Revolerschüssen. Marqués, Direktor eines lokalen Satiremagazins, hatte die Veruntreuung von öffentlichen Geldern durch ein Kongreßmitglied publik gemacht. Danach erhielt er Morddrohungen - und wenig später erschossen ihn zwei Motorradfahrer "en passant".

Das internationale Sekretariat von Reporter ohne Grenzen begrüßt die abgegebenen Erklärungen des kolumbianischen Staatspräsidenten, des Innenministers sowie des Generalstaatsanwalts, daß die Ermittlungen in den Mordfällen vertieft, eine Sonderkommission eingesetzt und der Schutz für bedrohte JournalistInnen verstärkt werden sowie eine Amnestie für Hintermänner oder Auftraggeber ausgeschlossen werden soll. Allerdings fordert Reporter ohne Grenzen die schnellstmögliche Umsetzung dieser Absichtserklärungen und darüber hinaus, daß unsere Organisation über den Stand der jeweiligen Ermittlungen umfassend informiert wird und die Ermittlungen auch zur Bestrafung der Schuldigen führen.

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