Rundbrief 28, Januar 1999ROG Homepage
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Jugoslawien / Kosovo

Die Wahrheit der Warlords

Seit Bestehen der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen ist es glücklicherweise noch nie vorgekommen, daß eine hier herausgegebene Pressemitteilung widerrufen werden mußte. Das liegt nicht daran, daß ROG über einen besonders effizienten Recherche-Apparat mit qualifizierten Mitarbeitern verfügt - das Büro in Berlin arbeitet mit 1,5 Stellen, dazu gelegentlich Praktikanten und Aushilfskräfte, und sie alle haben noch weit mehr zu tun, als Nachrichten zu überprüfen und weiterzureichen. Reporter ohne Grenzen - das Internationale Sekretariat wie auch die einzelnen Sektionen - ist einfach nur sehr vorsichtig bei der Bewertung eingehender Informationen und erst recht bei ihrer Weiterverbreitung.

Am 30. März aber berichteten auch wir, ebenso wie zahlreiche andere Organisationen, Nachrichtenagenturen und Medien, Baton Haxhiu, der Chefredakteur der kosovo-albanischen Zeitung Koha Ditore, und vier andere Intellektuelle seien am 28. März von serbischen Sicherheitskräften ermordet worden. Eine Falschmeldung, wie sich fünf Tage später herausstellte. Der eine Woche lang für tot Gehaltene selbst sagte dazu: "Es war eigentlich keine Falschmeldung, daß wir tot seien, denn tatsächlich waren wir irgendwie schon tot, gewissermaßen lebendig begraben in unseren Verstecken. Ich habe von meinem ,Tod' in einem Keller - einem meiner wechselnden Verstecke - erfahren..."

Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie die Freiheit zu informieren und informiert zu werden einem Krieg zum Opfer fällt. Die Falschmeldung beruhte auf NATO-Angaben. Das Militärbündnis sprach von "gesicherten Informationen", deren Quelle aber nicht genannt wurde. Dafür, daß Baton Haxhiu die Meldung lange Zeit nicht einmal dementieren konnte, weil er sich in einem Keller verstecken mußte, sind die serbischen Armee- und Polizeikräfte verantwortlich, die schon vor Beginn der Luftangriffe die unabhängigen Medien brutal bekämpften und danach erst recht jeden verfolgten, der eine andere als ihre eigene Sicht der Dinge verbreitete. Die Mitarbeiter von Koha Ditore, der letzten albanischsprachigen Zeitung im Kosovo, waren seit Monaten mit Repressalien aller Art - vom Bußgeld über Morddrohungen bis hin zu tätlichen Angriffen - überzogen worden. Noch am Abend der ersten Luftangriffe setzten Unbekannte ihre Druckerei in Brand, Polizei und paramilitärische Einheiten stürmten die Redaktionsbüros, erschossen einen Wächter und plünderten die Räume. So die Berichte von Zeugen, für die es natürlich keine offizielle Bestätigung gibt.

Eine offizielle Erklärung für den Tod von Slavko Kuruvija steht ebenfalls noch aus. Der Gründer und Chefredakteur der Tageszeitung Dnevni Telegraf wurde am 11. April in Belgrad auf offener Straße erschossen. Seit Oktober waren Dnevni Telegraf und das gleichfalls von Kuruvija gegründete Magazin Evropljanin verboten, über die Berufung gegen seine Verurteilung zu fünf Monaten Gefängnis wegen "Verbreitung von Falschinformationen" sollte demnächst entschieden werden. Drohungen in regierungstreuen Medien, bei denen er namentlich genannt wurde, waren schon fast alltäglich: "Leute wie ihn", so die Tageszeitung Politica Express, die ihn der Unterstützung für die NATO-Angriffe bezichtigte, "werden wir nicht vergessen, und wir werden ihnen auch nicht vergeben."

Die NATO-Angriffe verschaffen der serbischen Propaganda leichtes Spiel bei der Denunziation kritischer Stimmen: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Der Chefredakteur des verbotenen Belgrader Radiosenders B92, Veran Matic, forderte am 30. März die sofortige Einstellung der Bombardements: "Die internationale Öffentlichkeit muß die Wahrheit über das, was hier geschieht, erfahren. Aber anstelle eines ungehinderten Flusses akkurater Informationen hören wir alle nur Kriegspropaganda einschließlich westlicher Rhetorik. Die Wahrheit ist immer das erste Opfer in Kriegszeiten. Hier und jetzt werden daher auch Journalisten ermordet."

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