Rundbrief 24, August 1998ROG Homepage
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Kambodscha:

Die Wahl bescherte ungeahnte Pressevielfalt

Die Wahl in Kambodscha am 26. Juli hat dem Land eine ungeahnte Vielzahl an Zeitungen gebracht, die in unerwarteter Offenheit eine politische Diskussion über die gespannte innenpolitische Situation führen. Das "Open Forum", eine unabhängige Non Government Organisation (NGO), hat über Monate den kambodschanischen Zeitungsmarkt beobachtet, alle in der Khmer-Sprache erscheinenden Zeitungen registriert, archiviert und in Auszügen ins (The Mirror) Englische übersetzt, so daß sich vor allem ausländische Beobachter einen guten Überblick über die inhaltlichen und strukturellen Aspekte des kambodschanischen Meinungspluralismus machen können. Kontaktaufnahme ist über Norbert Klein (editor) mirror@forum.org.kh. möglich.

Seit Anfang des Jahres lag die Zahl der wöchentlich in der Khmer-Sprache erscheinenden Zeitungen stabil bei über 40, darunter auch Blätter, die nur sporadisch oder einmalig erschienen. Nur eine einzige Zeitung hielt es durch, eine tägliche Ausgabe herauszubringen.

In allen Zeitungen spielte die Wahl die dominierende Rolle. Zustände in einzelnen Provinzen, die Analyse einer möglichen Regierungsbildung und Informationen über den Wahlablauf zeichneten ein Bild der innenpolitischen Diskussion, die seit dem Juli-Putsch von 1997 angespannt war. So stand in der Angkor Thmei vom 11. Juni unverhohlen, den Bürgermeistern und militärischen Führern der regierenden CPP (Cambodian People's Party) von Hun Sen solle bei der Wahl die Quittung für ihre Arroganz gegeben werden. Andere Ausgaben setzten sich dagegen kritisch mit der politischen Rolle von Prinz Ranariddh und seiner Funcinpec-Partei auseinander. Eine Synopse der im Mirror zusammengefaßten Artikel ergibt den Eindruck, daß der Meinungsstreit in den khmersprachigen Publikationen ungewöhnlich offen stattfinden konnte.

Dieser Eindruck wird durch die in englisch erscheinenden Medien verstärkt. Die Cambodia Daily kann dabei als Musterbeispiel gelten. Die Tageszeitung berichtet völlig unabhängig von den Vorkommnissen im Land. Als nach der Wahl die Verlierer Vorwürfe erhoben, es habe Wahlbetrug, Einschüchterungen und Manipulationen gegeben, dokumentierte Cambodia Daily Zeugenaussagen im Wortlaut über Unregelmäßigkeiten, berichtete ausgewogen über den innenpolitischen Streit der Parteien und berücksichtigte auch Minderheiten wie die Khmer Democratic Party, die wegen der umstrittenen Sitzverteilung im neuen Parlament trotz ihres absoluten Anteils von 89.999 Wählerstimmen keinen Parlamentssitz erhalten wird.

Eine wichtige Rolle in Kambodschas Medienöffentlichkeit spielt der US-Sender CNN. In praktisch allen Landesteilen sind CNN und auch das australische Fernsehen in bester Qualität zu empfangen und bilden ein wichtiges Informationsinstrument. So führte CNN als erster TV-Sender ein Telefon-Interview mit König Sihanuk nach der Wahl, und beide Fernsehsender berichteten in ihren Asien-Magazinen ausführlich über alle Aspekte der Wahl. Dies war aber keine Besonderheit der jetzigen Wahl. Als ich im Juli '97 während des Putsches gegen Prinz Ranariddh zufällig in Phnom Penh war, stellte CNN die einzige Informationsquelle über die Vorfälle dar und ihre Beiträge wurden sogar für das Khmer-Fernsehen in die Landessprache übersetzt und ausgestrahlt.

Die Arbeit von Journalisten war und ist in Kambodscha in der Regel unproblematisch. Bereits 1993 konnten sich bei der UNTAC akkreditierte Berichterstatter frei bewegen und den Wahlvorgang ungehindert beobachten. Das war bei der Juli- Wahl ebenso gegeben. Zwei internationale Journalisten besuchten am Wahltag sogar unbehelligt die bis vor Monaten noch unzugängliche nördliche Provinzstadt Along Veng, jahrzehntelang die Hochburg der Roten Khmer um Pol Pot.

Als Fazit kann in Übereinstimmung mit internationalen Gremien festgestellt werden, daß für südostasiatische Verhältnisse im Vergleich zu anderen ASEAN-Staaten die Pressefreiheit und Meinungsvielfalt in Kambodscha gegenwärtig fast vorbildlich genannt werden kann. Die Arbeit für Journalisten ist ohne Beschränkung möglich.

Seit dem Wahlsonntag gibt es mit Bayon Pearnik übrigens sogar eine erste satirische Zeitschrift in Kambodscha. Wer den skurrilen Humor der Kambodschaner kennenlernen will, kann das (www.bayon-pearnik.com) über Internet.

Nikolaus Dominik

Der dpa-Redakteur Dominik kehrte vor kurzem von einer Reise aus Kambodscha zurück, bei der er sowohl mit Regierungsvertretern als auch mit Nicht-Regierungs-Organisationen Gespräche führte.

Anmerkung der Redaktion:

Obwohl die Bedingungen für Journalisten im Vergleich zu den Nachbarstaaten sehr viel besser sind, gilt dies nach Einschätzung von ROG und anderen Kennern des Landes vor allem für ausländische Journalisten und zumeist der schreibenden Zunft. Radio und Fernsehen des Landes, auch die privaten Sender, unterliegen dagegen strikter Kontrolle durch die Regierung. Von Pressefreiheit, wie sie Artikel 19 der UN-Menschenrechtserklärung definiert, kann deshalb im Land noch keine Rede sein.

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