Rundbrief 23, Juni 1998ROG Homepage
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Iran:

Eine mutige Stimme muß schweigen

Ein Teheraner Gericht hat am 11.Juni der liberalen iranischen Nachmittagszeitung Jameh die Lizenz entzogen und gegen ihren Herausgeber ein einjähriges Berufsverbot sowie eine Geldstrafe verhängt. Das Urteil beendet ein ebenso kurzes wie aufsehenerregendes Kapitel in der Geschichte der iranischen Presse: Erst Anfang Februar erschien die erste Ausgabe der Zeitung, deren Name zu deutsch "Gesellschaft" bedeutet. In den knapp vier Monaten ihrer Existenz gelang es Jameh, mit ihrer mutigen Unbekümmertheit nicht nur immer weiter steigende Auflagen (binnen kürzester Zeit 130.000), sondern auch weltweite Aufmerksamkeit zu erregen.

So veröffentlichte die Zeitung ein sehr offenes Interview mit Faradsch Sarkuhi, dem ehemaligen Herausgeber der Literaturzeitschrift Adineh, in dem dieser über seine gerade beendete einjährige Haft berichete und sich entschieden für Meinungsfreiheit im Iran aussprach, noch bevor feststand, ob er nach Deutschland würde ausreisen können.

In weiteren Inerviews von Jameh kamen die Führer der Freiheitsbewegung, Ebrahim Jasdi, der Anfang des Jahres vorübergehend verhaftet war, und der langjährig inhaftierte frühere Regierungssprecher Abbas Amir Enesamn zu Wort. Und auch im Fall des vor Gericht gestellten Teheraner Oberbürgermeisters Gholamhossein Karbas'schi war die Haltung der Zeitung eindeutig: Sie kritisierte die konservativen Hardliner, die hinter der Anklage stehen. Und das Blatt machte sich sogar lustig über die Konservativen, als diese auch noch drei Journalisten festnehmen ließen. Dies würde den Verfogten ja nur helfen: "Laß dich verhaften und werde zum Volkshelden", schrieb das Blatt damals.

Ob dieser Satz auch für Jameh selbst zutreffen wird, muß sich erst noch zeigen: Die jetzt verfügte Zwangsschließung macht aber mehr als deutlich, daß die konservativen Kräfte in Teheran auch weiterhin nicht gewillt sind, dem Volk mehr Freiheit zuzugestehen als unbedingt erforderlich. Wie bei einem Dampfkessel wird zwar bisweilen etwas Druck abgelassen, danach aber wird der Deckel wieder hermetisch geschlossen.

Trotz - vielleicht sogar wegen - weltweiten Lobs für seine liberale Ausrichtung gelingt es dem iranischen Präsidenten Mohammad Chatami auch weiterhin nicht, seinem Land die erhoffte und versprochene Freiheit zu bringen, solange er in der Staatshierarchie klar den Konservativen um den obersten Führer, Ali Khamenei, untergeordnet ist - und dieser die entscheidenden Schaltstellen des Staates mit Leuten seiner Couleur besetzen kann, vor allem in der Justiz und im Innenministerium.

Peter Philipp

Ein Beitrag für das Programm der Deutschen Welle vom 12. Juni, den uns der Sender freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

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