Rundbrief 22, April 1998ROG Homepage
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Tschad/Kamerun

Ölkonzerne behindern Journalisten

"Heute kennen wir keine Journalisten und keine Menschenrechte!" Es war ein tschadischer Soldat, von dem Nerem Mbairigol, Journalist und Menschenrechtler in der südtschadischen Provinzhauptstadt Moundou, diesen Satz hörte. Am 30. Oktober '97 wurde er Zeuge eines Massakers an 98 Zivilisten. Männer, Frauen und Kinder, auch Behinderte, wurden erschossen, andere zwang man, Säure zu trinken oder warf sie gefesselt in den Fluß. Im März '98 fielen weitere 200 Menschen Ausschreitungen des tschadischen Militärs zum Opfer. Diese Zahl wurde vom Auswärtigen Amt in Bonn bestätigt. Es geht um mindestens eine Milliarde Barrel Öl, die im Süden des Tschads gefunden wurde und ab dem Jahr 2001 durch ein Konsortium aus "Esso", "Shell" und "elf" gefördert werden soll. Baubeginn für 300 Bohrtürme und eine über 1000 km lange Pipeline zur Atlantikküste Kameruns soll im Juni '98 sein. Bis dahin will die Regierung des Tschads offenkundig die in der Ölregion aktive Guerilla der "Bewaffneten Kräfte für eine Föderale Republik" (FARF) endgültig besiegt haben. Dazu geht das Militär auch gegen die Zivilbevölkerung der Region brutal vor.

Doch die internationale Öffentlichkeit nimmt kaum Notiz von dem Konflikt. Die Berichterstattung wird zudem behindert durch Einschüchterung von Journalisten und die Kommunikationspolitik der Firma "Esso". Der Konsortiumsführer war bis September '97 zu keinen Auskünften über das Projekt bereit. Journalisten, z.B. ein ARD-Team, bekamen keine Dreh- oder Fotografier-Erlaubnis für "Esso"-Einrichtungen, auch deren Mitarbeiter standen nicht für Interviews zur Verfügung. Dagegen stellt eine PR-Aktion die Ölförderung als Entwicklungsprojekt dar - mit schönen Fotos aus der Förderregion vor Beginn der Bauarbeiten, die "Esso" auf einer Internetseite bereithält.

Wer Kritisches zum Projekt verbreitet, bekommt Probleme. Kleine, wie ich, in Form von öffentlicher Kritik durch den Außenminister des Tschads, weil ich meine Informationen "auf der Straße suche" und nicht ausschließlich bei Regierungsquellen. Oder große, wie Dieudonné Djonabaye, Chefredakteur der größten Wochenzeitung des Landes, N'Djamena Hebdo. Die hatte schon im November '96 getitelt: "Wir wollen nicht die neuen Ogoni sein!" Obwohl ein direkter Zusammenhang zur Berichterstattung über das Ölprojekt nicht beweisbar ist, mußte sich ROG in den letzten beiden Jahren mehrfach für Djonabaye einsetzen, zuletzt am 30. März '98, als er während einer Recherche von Militärs festgenommen und schwer mißhandelt wurde. Pius Njawé, derzeit inhaftierter Direktor der kamerunischen Zeitung Le Messager, stellt in einem Brief aus dem Gefängnis vom 23. Februar '98 ebenfalls eine Verbindung zwischen einem kritischen Artikel zu der geplanten Pipeline quer durch Kamerun und seiner Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis wegen "Verbreitung von Falschmeldungen" her.

Martin Zint

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