Rundbrief 22, April 1998ROG Homepage
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China:

ROG-Pressegespräch mit Wei Jingsheng

Kleine Kanäle zwischen den Zeilen

"In China hat man eine eigene Art, zwischen den Zeilen zu lesen." So beschreibt Wei Jingsheng den Umgang seiner Landsleute mit den Nachrichten der staatlichen Medien. Der bekannte Dissident, erst im November aus der Haft entlassen und in die USA abgeschoben, war zwischen März und April auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Deutschland. Reporter ohne Grenzen nutzte die Gelegenheit, um mit ihm ein Pressegespräch über die Situation der Medien in China zu veranstalten.

Der Einladung in das Berliner Axel-Springer-Haus folgten trotz der zuvor schon umfangreichen Berichterstattung über Weis Visite zahlreiche Redaktionen von Presse, Funk und Fernsehen - das Interesse an diesem speziellen Thema war offensichtlich groß. Wei Jingsheng teilt diese Einschätzung: "Die Menschenrechtsverletzung mit den schlimmsten Folgen in China ist die Begrenzung der Rede- und Pressefreiheit." Daran hat seiner Meinung nach auch die Vielzahl der in den letzten Jahren entstandenen unabhängigen Medien nicht grundsätzlich etwas ändern können, denn der Begriff "unabhängig" ist im Machtbereich Pekings relativ. Allerdings hat sich die Situation im Vergleich zu den siebziger- und achtziger Jahren gewandelt: Wo früher schon das notwendige Material vom Papier bis zur Druckmaschine unerreichbar blieb, "ist die Regierung heute gar nicht mehr in der Lage, dies zu kontrollieren".

Dennoch: Zuverlässige Informationen über die Probleme des Landes, etwa die katastrophalen Begleiterscheinungen der ökonomischen Umwälzungen, sind schwer zu bekommen. "Kleine Kanäle" nennt Wei das Netz der Nachrichtenwege, das private Zeitungen mit meist verschwindend geringer Auflage - von denen allein in Peking rund 300 erscheinen - ebenso einschließt wie Mund-zu-Mund-Propaganda.

Und das Schicksal der inhaftierten Journalisten sollte Beweis genug sein, daß selbst die kleinsten Schritte in Richtung Pressefreiheit auf den unbarmherzigen Widerstand der chinesischen Führung stoßen. Die Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel durch ökonomischen Fortschritt hält Wei für verfehlt: "Immer wenn eine wirtschaftliche Krise überwunden wurde, konnte die Regierung danach die Demokratiebewegung um so härter unterdrücken."

Mitglieder von Reporters sans Frontières machten beim Besuch des chinesischen Premierministers Zhu Rongji in Paris am 6. April mit einer vielbeachteten Kundgebung vor dem Hôtel Méridien auf die Verletzungen der Pressefreiheit durch die Pekinger Regierung aufmerksam und forderten die Freilassung inhaftierter Journalisten sowie das Ende der Repressialien gegen unabhängige und kritische Medien.

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