Rundbrief 20, Dezember 1997ROG Homepage
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Nigeria:

"Die Presse ist frei!"

Informationsminister Walter Ofonagoro hat es gesagt. Er muß es wissen, die Presse ist frei. Sind Sie kürzlich in der Lagos-Redaktion von The News und Tempo gewesen? Sie sollten dorthin gehen, um zu sehen, wie recht der Minister hat. Das Management von The News hofft, daß das kokosnußgroße Vorhängeschloß an der massiven Eisentür abschreckend wirkt; nicht auf Diebe, sondern auf die Sicherheitskräfte. (...)

Jetzt erzählt Ofonagoro bei der Eröffnung des AIT-Radio- und Fernsehprogramms (African International Television, der Anfang November gestartete Versuch, ein afrikanisches Nachrichtenprogramm zu installieren, Anm. d. Übers.), daß die nigerianische Presse frei ist. Wir glauben ihm. Haben Sie in der jüngsten Ausgabe von Tell die Hausmitteilung gelesen: "Unsere Leben sind in Gefahr"? Darin berichtet das Tell-Management darüber, daß 22 Redaktionsmitglieder Todesdrohungen erhalten haben. (...) Sie werden sich auch daran erinnern, daß erst vor einem Monat Sicherheitskräfte das Haus von Tell-Chefredakteur Nosa Igiebor zu einer äußerst unüblichen Stunde überfielen. Also, wenn Ofonagoro sagt, die Presse sei frei, glauben wir ihm. Letzten Dienstag berichteten die Zeitungen über die erneute Inhaftierung von Frau Ladi Olorunyomi, die in diesem Jahr bereits drei Monate im Gefängnis verbracht hat. Die arme Frau, deren größtes Unglück es ist, eine Journalistin zu sein, die mit einem Journalisten verheiratet ist, hat ihren Mann seit zwei Jahren nicht gesehen. Egal, die Presse ist frei.

Haben Sie von Soji Omotunde gehört, Chefredakteur des African Concord? Ungefähr vor zwei Wochen wurde er von Männern entführt, die vermutlich Sicherheitskräfte waren. Bis heute weiß niemand genau, wo er sich befindet. Ich bin sicher, Ofonagoro wird auch Frau Omotunde gerne sagen, daß die Presse sehr, sehr frei ist. (...)

Während ich das schreibe, ist der Zeitungserlaß 43 von 1993 in Kraft. Er verlangt von Zeitungen ein Geschäftsgebaren wie von Bierstuben. 350.000 Naira Kaution müssen jährlich hinterlegt werden, der Gegenwert von etwa 11.670 Exemplaren der Auflage. Kann so eine Presse frei sein? (...) Wenn die Presse wirklich frei wäre, bräuchten wir keinen Minister, um es uns zu sagen.

Azu, im Saturday Punch, Lagos, 8.11.97,
übersetzt von Martin Zint

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