Rundbrief 20, Dezember 1997ROG Homepage
zurückArchivIndexVolltextsucheweiter

Iran:

Ein qualvolles Jahr für Faradsch Sarkuhi

Vor einem Jahr, am 14./15. Dezember, wandte sich Farideh Zebardschad mit einem Offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl, aus Angst um das Leben ihres Ehemannes Faradsch Sarkuhi, dem iranischen Journalisten und Herausgeber der Literaturzeitschrift Adineh. Als er am 7. November nach Deutschland fliegen wollte, "verschwand" er am Flughafen in Teheran spurlos, fast sechs Wochen lang. Neun Monate später hat man ihn verurteilt, einen Unschuldigen, den weltweiten Protesten zum Trotz. Im Februar hat Faradsch seine einjährige Haftstrafe verbüßt, ein Jahr nach seiner "offiziellen" Festnahme. Doch dann werden es 15 Monate gewesen sein, und es steht zu befürchten, daß auch das nicht das Ende seines Leidens sein wird.

Zum Jahrestag seines "Verschwindens" schrieb uns seine Ehefrau Farideh: "Es ist ein Jahr vergangen, das für viele wie mehrere Jahre war. Vor einem Jahr fuhr Faradj zum Flughafen, um seine Familie zu besuchen. Diese Reise wurde jedoch zu einer Falle, in der er bis heute steckt. Wir sagten: Er ist hier nicht angekommen! Sie schafften Ausreisepapiere heran und behaupteten, er sei hier gelandet. (...) Wir sagten, er wurde als Geisel festgenommen und zeigten allen seinen Brief, in dem er schrieb, daß das Informationsministerium ihn als Verhandlungsgegenstand betrachtete und ihm Spionage unterstellte. Sie sagten, er sei nach Deutschland gekommen, um seine Kinder in den Iran zu holen. Wir fragten: Warum hat er dann keinen Kontakt mit ihnen aufgenommem? Nach 47 Tagen stellten sie ihn am Flughafen zur Schau und sagten übereifrig: Hört von Faradj Sarkuhi selbst, wo er gewesen ist. (Am 20. Dezember 1996, d. Red.)

Einige Tage, nachdem Faradj verschwunden war, wurde die Leiche von Gaffar Hosseini (ein Schriftsteller und Freund von Sarkuhi, d. Übers.) in seinem Haus gefunden. Diejenigen, die die Wahrheit über die Umstände seines Todes wußten, wurden verprügelt. Dann verstummten ihre Stimmen. (...) Schweigen und nur Schweigen.

Faradj blieb 37 Tage unter Hausarrest. Ihm wurde alles, aber auch alles vorgeworfen. 37 Tage, 37 schreckliche Tage - was für eine entsetzliche Einsamkeit!

Diesmal verhafteten sie ihn offiziell, aber auch diesmal mit einem besonderen Plan. Wir fragten: Wie hätte er sich denn von Euch befreien können? Sie sagten, Ihr könnt die ganze Geschichte aus dem Munde seines Bruders hören. Niemand war in der Lage, dagegen zu protestieren. Es wurde die Leiche von Taffasoli (Wissenschaftler, d.Übers.) mit gespaltenem Schädel gefunden. Die Leiche von Zalzadeh (Verleger, d. Übers.) in der Wüste. Die Umstände waren mysteriös, genauso wie der Tod von Mir Alai oder der von Saidi Sirjani (beides Schriftsteller, d.Übers.); aber im Gegensatz zu früher konnte niemand protestieren. Protest gab es nur im Ausland.

Manche schlossen sich dem Heer der Flüchtlinge an. Sie brachen ihr Schweigen erst im Exil und retteten so die Ehre von Faradj. Die Regierenden verkündeten aus dem Munde des Chefs ihrer islamischen Menschenrechtskommission, Faradj hätte Kontakte zu Botschaften zugegeben. Wir sagten, sie müßten es beweisen - in einem öffentlichen Prozeß mit internationalen Beobachtern und einem akzeptablen Verteidiger. Sie sagten, er selbst wolle keinen öffentlichen Prozeß und keine Beobachter aus dem Ausland, und er hätte einen Verteidiger ausgewählt, einen von denen, die sie vorgeschlagen hatten.

Drei Monate haben wir auf den Prozeß gewartet, bis uns Faradj am 18. September anrief und sagte, er sei wegen übler Propaganda gegen die islamische Regierung zu einem Jahr Haft verurteilt worden und würde vielleicht im Februar entlassen werden. Und nun glauben viele, man müsse die Tonart wechseln und so tun, als ob zwischen November '96 und Februar '98 nicht ein Jahr und drei Monate lägen, und man könne sich Hoffnung machen. (...)

Ich bin unruhig, ich bin besorgt, und meine Sorge ist berechtigt. Ob Faradj jemals entlassen wird? Ob ihm die Ausreise erlaubt wird für eine Reise, die schon vor einem Jahr begann und die ihr Ziel noch nicht erreicht hat?"

Farideh Zebarjad

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


[ zurück | Homepage | Aktuell | Archiv | Rundbrief 20 | Volltextsuche | weiter ]

© Reporter ohne Grenzen e.V.
Webmaster: Martin Mair


ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/