Rundbrief 17, Juni 1997ROG Homepage
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Liberia:

Radios in Monrovia...

...wie Pilze aus dem Boden...
...und was Reporter ohne Grenzen damit zu tun hat.

Seit nunmehr fast acht Jahren tobt in Liberia tobt ein grausamer Krieg. Eigentlich sollte er nach einem Friedensabkommen vom August 1995 lange beendet sein. Aber bevor die im Friedensplan vorgesehene Entwaffnung der Rebellenfraktionen durchgeführt werden konnte, brachen in Monrovia am 6. April 1996 wieder schwere Kämpfe zwischen den verschiedenen Rebellenfraktionen aus. In ihrem Verlauf wurde fast die gesamte Innenstadt verwüstet und geplündert.

Im allgemeinen Chaos nutzte der Chef der "National Patriotic Front of "Liberia", Charles Taylor, die Gelegenheit und ließ am 11. April 1996 systematisch vier private Radiosender zerstören. Fortan hatte sein eigener, leistungsstarker UKW- und Kurzwellensender, Kiss FM, die Vorherrschaft im Äther über Liberia. Zwar existierte auch der staatliche liberianische Rundfunk weiter, aber er wird faktisch ebenfalls von den Kriegsherren kontrolliert und erreicht, im Gegensatz zu Kiss FM, nicht das ganze Land. Im August 1996 wurde erneut ein Friedensvertrag geschlossen, die im Land stationierten Friedenstruppen ECOMOG der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) wurden verstärkt, im Februar 1997 wurde die Entwaffnung der Rebellen offiziell abgeschlossen.

Für den 19. Juli sind Wahlen für Präsidentschaft und Parlament vorgesehen. Der Friedensprozeß scheint auf dem Weg, aber die Menschen im Land trauen dem Frieden nicht. Auf den Straßen liegen noch ausgebrannte Autowracks, überalll sieht man die Spuren der Kämpfe. Der Wiederaufbau hat noch kaum begonnen. Von einer Branche abgesehen. Radios schießen derzeit aus dem Boden wie Pilze.

Als erstes ging Radio Monrovia wieder auf Sendung. Sein Besitzer, Charles Snetter, hatte den 5kw UKW-Sender persönlich vor den Plünderern gerettet. Gerne zeigt er den Besuchern sechs Einschüsse, die das kühlschrankgroße Gerät dabei erhielt. Wundersamerweise hatten die Schüsse keine wesentlichen Teile beschädigt. Er selbst blieb unverletzt. Im Oktober 96 konnte der Sendebetrieb wieder aufgenommen werden. Seitdem ist wenigstens in Monrovia und Umgebung neben Kiss FM, Werbeslogan "Rock of the Nation", wieder eine "Voice of Hope and Peace" (Slogan von Radio Monrovia) zu hören. Das Geld wird mit dem Verlesen von Familienanzeigen und sonstiger Werbung verdient.

Den Markt teilt sich Radio Monrovia, das die Weltnachrichten von Voice of America übernimmt, mit Radio 101, das die Weltnachrichten von der BBC bekommt und auch den "Focus on Africa" von dort übernimmt. Diese beiden Sender haben auch einen professionellen journalistischen Anspruch. Unter kaum vorstellbaren Bedingungen (keine funktionierenden Telefone, Produktion ausschließlich auf Kompaktkassette, Reportagen mit dem Diktiergerät) leisten die Kolleginnen und Kollegen Beachtliches.

Im Mai kam Radio Liberty hinzu, hinter dem Kriegsherr George Boley steht. Mangels geschulten Personals und Ressourcen bringt es derzeit nur stundenweise moderierte Musik.

Eigentlich sollte am 1. Juni noch die Voice of Hope hinzukommen, ein Sender hinter dem ein prominenter Vertreter der früheren Regierung um den Diktator Samuel Doe steht. Am Sonntag, dem 1. Juni 1997 waren kurz vor Sonnenuntergang noch drei Monteure mit der Installation des Senders befaßt, als eine Gewitterbö den Mast knickte. Ein Arbeiter starb, die beiden anderen wurden schwer verletzt. Diese Eile ist Indiz für den ungeheuren Druck, mit dem derzeit die unterschiedlichsten Interessengruppen versuchen, noch vor den Wahlen auf Sendung zu kommen.

Die problematische Situation im Mediensektor hat auch Reporter ohne Grenzen aktiv werden lassen. Die Schweizer Sektion unterstützt über die "Stiftung Schwalbe" ("La Hirondelle") die Errichtung eines UKW- und Kurzwellensenders, der insbesondere die Medienvielfalt im Landesinnern sichern soll. Alle bisher genannten Sender sind nur in Monrovia zu empfangen.

Ende Mai, Anfang Juni war Frédéric Blassel, Journalist beim Schweizer Fernsehen und ROG-Vorstandsmitglied in der Schweiz, in Monrovia, um die organisatorischen Voraussetzungen abzuklären. Seitdem arbeitet eine lokale Mitarbeiterin, Jeanette Carter, für das Projekt. Auch der Schweizer Journalist Dario Baroni ist inzwischen in Monrovia eingetroffen, um am Projekt mitzuarbeiten. Der Sender soll noch im Juni in Monrovia ankommen und vor den Wahlen in Betrieb gehen. Für die Programmgestaltung werden liberianische Kolleginnen und Kollegen sorgen.

Die US-amerikanische NGO "Search for Common Ground" hat bereits Produktionsmöglichkeiten in Monrovia eingerichtet. In den "Talking Drum Studios" direkt am Freeport von Monrovia, dort wo das Leben der Stadt pulsiert, produziert eine Redaktion aus einheimischen Radiojournalisten Wortprogramme, die allen liberianischen Sendern angeboten werden. Sie werden auch den neuen Sender redaktionell betreuen. Nachrichten, Beiträge und Unterhaltung sind die drei Säulen der Arbeit von Talking Drums. Alles wird in den verschiedenen Landessprachen produziert. Thematisch konzentriert sich die Arbeit derzeit auf die bevorstehenden Wahlen. In Spots wird für die Teilnahme an den Wahlen geworben und ihr Ablauf wird erklärt.

Im Aufbau befindet sich ein Netz von Korrespondenten in den Regionen, mit eigener Kurzwellenverbindung. Es soll die Kommunikation innerhalb Liberias wieder in Gang bringen. Derzeit sind Informationen aus London, Washington oder Tokyo schneller in Monrovia verfügbar, als aus den nur wenige hundert Kilometer entfernten Provinzstädten. Nachrichten von dort kommen allenfalls über die Funkkanäle der Friedenstruppen und der Hilfsorganisationen. Oder, wie zu Zeiten der Postkutsche, mit Reisenden.

Diese Situation behindert den Friedensprozeß außerordentlich. Über eine Million Flüchtlinge, bei einer Vorkriegsbevölkerung von 2,5 Millionen Menschen, warten zum Beispiel auf Nachrichten über ihre Heimatregion. Auch im liberianischen Urwald stoßen die Hilfsorganisationen immer noch auf bislang unbekannte Flüchtlingslager, in denen Menschen hungern. Kommunikation ist in einer solchen Situation im wahrsten Sinne des Wortes notwendig.

MARTIN ZINT

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