Rundbrief 16, April 1997ROG Homepage
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Algerien:

Salima Ghezali - mutig, kritisch, unverblümt

Salima Ghezali, einzige Chefredakteurin in der algerischen Presselandschaft, wurde im März in New York als "Internationale Journalistin des Jahres" ausgezeichnet. Die 39jährige Mutter von zwei Töchtern erhielt den Preis des US-Magazins World Press Review für ihre Berichterstattung in der algerischen Wochenzeitung La Nation über den Staatsterrorismus.

Salima Gezali studierte französische Literatur und Philosophie. Von 1983 bis 1990 unterrichtete sie am Gymnasium von Khemis El Khechna, einem Vorort von Algier, wo der Einfluß der islamischen Fundamentalisten schon damals sehr ausgeprägt war.

Nach den blutigen Unruhen von Oktober 1988, ausgelöst durch die Erhöhung der Lebensmittelpreise, entstanden viele Gruppen und Organisationen, darunter die "Vereinigung für die Emanzipation der Frauen", zu deren Vorsitzenden Salima Ghezali gewählt wurde. Diese Zeit gilt auch als Geburtsstunde der unabhängigen Presse in Algerien. Salima Ghezalis erster journalistischer Schritt bestand darin, eine monatlich erscheinende Frauenzeitschrift namens Nyssa (Frauen) herauszugeben.

Danach schrieb sie Chroniken für die algerische Wochenzeitung La Nation; seit 1994 ist sie deren Chefredakteurin. Man kennt sie als eine Frau, die sagt, was sie denkt: Als Präsident Zeroual sich im letzten Jahr zum ersten Mal der Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz stellte, entdeckte ganz Algerien dank des Fernsehens eine Frau, die Übergriffe der staatlichen Sicherheitskräfte kritisierte, indem sie den Präsidenten fragte, ob er überhaupt wisse, was im Land vorgehe.

Ihr Leben ist ständig in Gefahr: In Algerien sind 57 Journalisten seit 1993 ermordet worden - Opfer eines Kriegs zwischen Staat und religiösen Fanatikern, der unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden soll. Deswegen hat sie ihre beiden Töchter seit 1994 nicht mehr gesehen. Ratschläge von Freunden, sich aus dem politischen Leben zurückzuziehen, um sich und ihre Kinder zu schützen, weist sie energisch zurück: "Soll ich Algerien verraten und zuletzt auch mich selbst?"

Ihre Zeitung La Nation wurde von der Regierung mehrmals verboten. Sie befaßt sich oft mit Tabu-Themen, wie Menschenrechtsverletzungen im Kampf gegen die Islamisten, Übergriffe der Sicherheitskräfte, oder sie tritt für die Wiederzulassung der verbotenen "Islamischen Heilsfront" (FIS) ein. Salima Ghezali und ihre Zeitung kämpfen für eine gewaltfreie Lösung des Konflikts zwischen den regierenden Militärs und den bewaffneten Fundamentalisten. Das bringt ihnen oft die Kritk ein, auf Seite der Islamisten zu stehen und sie in ihrem Krieg zu unterstützen, den sie auch gegen einen weltlichen Staat führen. Obwohl La Nation unabhängig ist, steht sie dem reformerischen Kurs der FLN (Nationale Befreiungsront) nahe. Derzeit erscheint die Zeitung nicht, da sie ihre Druckschulden nicht bezahlen kann. In Algerien besitzt der Staat das Papiermonopol und kann somit über Preiserhöhungen für Papier wie für Druckerzeugnisse die freie Presse kontrollieren.

Die französische Wochenzeitung Le Monde Diplomatique wird mit Unterstützung der Unesco und des Internationalen Sekretariats von ROG La Nation ein neuerliches Erscheinen ermöglichen: materielle Hilfe, Finanzierung von drei Informationsveranstaltungen von jeweils einer Woche für die algerischen Journalisten sowie die Veröffentlichung einer Sonderausgabe beider Zeitungen, den Menschenrechten in Algerien gewidmet.

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