Rundbrief 16, April 1997ROG Homepage
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Albanien:

Presse im Ausnahmezustand

Vom 4. bis 6. März reiste eine Delegation von Reporter ohne Grenzen und Artikel 19 nach Albanien, um sich über die derzeitige Situation der Presse im Land einen Überblick zu verschaffen. Gemeinsam mit sechs weiteren Menschenrechtsorganisationen veröffentlichten sie einen Appell für Pressefreiheit in Albanien. Das Internationale Sekretariat wandte sich auch an den Europarat, die OSZE und die Europäische Union.

Am 3. März 1996 verhängte die albanische Regierung den Ausnahmezustand und ermächtigte die Sicherheitskräfte, mit Gewalt gegen die "Rebellen" vorzugehen, sollten diese ihre Waffen nicht abgeben. Eine allgemeine Pressezensur wurde eingeführt. Medien und Journalisten müssen ihre Berichte von den Behörden begutachten lassen, die deren Veröffentlichung untersagen oder erlauben.

Nach der Wiederwahl Sali Berishas zum Staatspräsidenten sollen oppositionelle Medien mittels der neuen Vorzensur endgültig zum Schweigen gebracht werden. Zudem wächst die Zahl der Angriffe auf Journalisten und Presseorgane. Bereits am 15. Februar wurde Genc Cobani, Chefredakteur der Tageszeitung Republika (Zeitung der Republikanischen Partei) von Unbekannten entführt und sollte über das Treffen des Parteichefs der Republikaner mit regierungsfeindlichen Demonstranten "auspacken", an dem er am Vorabend teilgenommen hatte. Als er sich weigerte, schlugen die Männer ihn brutal zusammen, er mußte stationär behandelt werden. Seitdem leidet er unter Sehstörungen; sein linkes Bein ist gelähmt.

Am 2. März, nur sieben Stunden nach Ausrufung des Ausnahmezustandes, stürmten rund 20 Männer das Gebäude der oppositionellen Tageszeitung Koha Jone. Sie warfen Molotow-Cocktails, entführten den Journalisten Zamir Dule und seinen Chauffeur, prügelten auf sie ein. Erst zwei Tage später wurden sie freigelassen. Nach Meinung der Herausgeber ist der Geheimdienst Urheber dieser Aktion.

Alfred Peza, ein weiterer Mitarbeiter bei Koha Jone, wurde am 5. März von der Polizei in Fier (im Süden) freigelassen. Zuvor hatten sie bestritten, etwas über seinen Verbleib zu wissen. Der Journalist wurde nach seiner Festnahme drei Stunden lang unter Folter über die Zeitung und ihre Herausgeber verhört.

Das Haus von Shpetim Nazarko, Herausgeber der unabhängigen Zeitung Dita Informacion, wurde im März von Unbekannten mit Maschinengewehren beschossen. Wenige Tage zuvor war die Bar "West", bekannter Treffpunkt von Journalisten und Intellektuellen, Ziel eines Brandanschlags. Auch die ausländische Presse blieb nicht verschont: Sendungen von Voice of America und BBC wurden unterbrochen, eine mobile Sation von UER konnte keine Fernsehbilder übertragen; internationalen Berichterstattern wurde die Einreise in den Süden des Landes verwehrt. Die Aufständischen schreckten schon am 28. Mai letzten Jahres nicht davor zurück, Journalisten von APTV, El Mundo, Reuter, Agence France Presse, EFE, Mlada Fronta Dnes und Nasa Borba anzugreifen.

bap/EvG

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