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Rundbrief Nr. 14 (Dezember 1996)

ROG

Menschenrechtspreis 1996 für türkischen Journalisten

Anläßlich des Internationalen Tages der Menschenrechte verleiht Reporter ohne Grenzen seit 1992 einen Menschenrechtspreis in Höhe von 50.000 Francs, gestiftet von der Fondation de France, an Journalistinnen und Journalisten, die in besonderer Weise für die Pressefreiheit einstehen. Bisherige Preisträger waren Zlatko Dizdarerevic, Journalist bei der bosnischen Tageszeitung Oslobodenje, Wang Juntao von der chinesischen jingji xue zhoubao (Wirtschaftswoche), André Sibomana von der ruandischen Zeitschrift Kinyamateka und letztes Jahr Christina Anyanwu, Chefredakteurin der nigerianischen Wochenzeitschrift The Sunday Magazine.

In diesem Jahr wurden von der international besetzten Jury Salima Ghezali, Chefredakteurin der Wochenzeitschrift La Nation (Algerien), Gao Yu, stellvertretende Chefredakteurin der jingji xue zhoubao (China, zur Zeit im Gefängnis), Ahmad Taufik, Vorsitzender der Alliance of Independent Journalists (Indonesien, zur Zeit im Gefängnis), Alfonso Castiglione, Rundfunkjournalist (Peru, gerade aus dem Gefängnis entlassen), Isik Yurtçu, Leiter der Tageszeitung Özgür Gündem (Türkei, zur Zeit im Gefängnis) und Ali Musa Abdi, Journalist und Herausgeber (Somalia), nominiert.

Die Wahl fiel auf den türkischen Journalisten Ocak Isik Yurtçu. Der ehemalige Leiter der prokurdischen Tageszeitung Özgür Gündem wurde im Dezember wegen "separatistischer Propaganda" und "Beleidigung der Regierung" zu 14 Jahren und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Er verbüßt seine Strafe im Gefängnis von Sakrya, 150 Kilometer von Istanbul entfernt.

Isik Yurtçu wurde im Januar 1945 in Adana, im Süden der Türkei, geboren, seine Familie ist türkischer Herkunft. 1969 begann er seine Laufbahn als Reporter für die linksgerichteten Zeitschriften Ulus und Yeni Halkçi in Ankara. In den 70er Jahren arbeitete er in Istanbul erstmals als Herausgeber, stets bei der Oppositionspresse. Er arbeitete in dieser Zeit mit den Zeitungen Demokrat, Politika, Dunya oder Cumhuriyet zusammen. Schon damals ging die Regierung gegen seine Artikel vor, und Isik Yurtcu wurde zu Gefängnisstrafen verurteilt, die später in Geldstrafen umgewandelt wurden. Nach dem Staatsstreich 1971 veröffentlichte er in Yeni Halkçi Aussagen von politischen Gefangenen, die in Militärgefängnissen gefoltert worden waren. 1974 unterstützte er die Kampagne für eine Amnestie aller politischen Gefangenen. Nach dem Militärputsch im September 1980 wurde er verhört, weil er den "Aufruf der Intellektuellen" mitunterzeichnet hatte, der den Putsch kritisierte. 1982 wurde er für kurze Zeit verhaftet, unter anderem wegen seiner Mitarbeit in einer Gewerkschaft für Pressemitarbeiter. . Viele seiner früheren Kollegen nennen ihn liebevoll "Isik Baba" (Vater Isik). "Ich traf zum ersten Mal vor der Herausgabe der Zeitung", berichtet Ramazan Ulck, einer der ehemaligen Chefredakteure von Özgür Gündem. "Er hat uns sehr geholfen, eine politische Linie für das Blatt zu entwickeln, denn wir hatten wenig Erfahrung. Seine Kompetenz prädestinierte ihn für den Posten des Chefredakteurs. Und als wir ihn darum baten, nahm er ohne Zögern an." Das war im Juni 1992. Acht Monate später trat er zurück: Nicht weniger als 26 Prozesse waren gegen ihn eröffnet worden.

Am 28. Dezember 1994, kurz nach seinem Rücktritt, wurde er verhaftet. Seitdem sitzt er im Gefängnis - verurteilt bis zum Jahr 2009.

Weitere Informationen:
ROG-Paten: Ocak Isik Yurtçu (Nr. 8, November 1995)

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