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Rundbrief Nr. 14 (Dezember 1996)

ROG

ROG-Konferenz zu Algerien in Madrid

Algerein ist das Land, in dem im vergangenen Jahr wie im laufenden die größte Zahl von Journalisten umgebracht wurde. Das Land, wo Auslandskorrespondenten kaum noch arbeiten können und wo die einheimischen Kollegen von zwei Seiten bedroht werden: den mordenden islamischen Kommandos und der Regierung, die mit Zensur und Gefängnis droht.

Da mittlerweile über 400 algerische Journalisten im Exil leben, die meisten in Paris oder Madrid, hat das Internationale Sekretariat von Reporter ohne Grenzen versucht, exilierte und im Land arbeitende Kollegen für ein Wochenende zusammenzubringen, um darüber zu diskutieren, wie die Pressefreiheit am besten verteidigt werden kann. Zwar sagten die Vertreter von Regierungsmedien zwei Tage vor Beginn ihre Teilnahme mit der Begründung ab, dennoch kamen schließlich am 17. und 18. November rund zwanzig Kollegen und Kolleginnen nach El Escorial, 30 km von Madrid entfernt.

Bei den Debatten, die (dank der großzügigen Unterstützung der EU) mit Simultanübersetzung auf arabisch, französisch und spanisch stattfanden, zeigte sich einmal mehr, wie schwer es für Reporter ohne Grenzen mit seinem Anspruch, die universalistische Geltung von Pressefreiheit und Menschenrechten zu vertreten, ist, in einem konkreten Konflikt zu einem Konsens mit Journalisten verschiedener Tendenz aus dem betreffenden Land zu kommen. Die Hoffnung, alle würden gemeinsam ein Kommuniqué unterschreiben, das sich genauso gegen die Gewalt der islamistischen Gruppen wie die Repression der REgierung wendet, erwies sich als Illusion. In den Plenumsdebatten wurde lieber allgemein als konkret geredet. in der Hotel-Lobby war dann zu hören, man würde eine gemeinsame Erklärung ja mittragen, aber keine im Ausland formulierte und veröffentlichte. Das klang einleuchtend, und so beschränkte sich Reporter ohne Grenzen darauf, eine eigene Erklärung auf der abschließenden Pressekonferenz in Madrid abzugeben. Für die Algerier saßen dann immerhin zwei Verleger mit auf dem Podium und demonstrierten Harmonie.

Merkwürdig allerdings, daß in der Zeitung des einen Verlegers (der französischsprachigen El Watan) einige Tage später ein Artikel erschien, in dem die ganze Veranstaltung heftig angegriffen wurde. Reporter ohne Grenzen sei nur daran gelegen gewesen, die Regierung zu kritisieren und habe die Gewalt der Islamisten außen vor gelassen. Nichts falscher als dies - doch die Schlußfolgerung ist wohl: Mit dem Versuch, in einer solchen Situation den Moderator zu spielen, überhebt sich Reporter ohne Grenzen selbst als internationale Organisation; die innenpolitischen Motive der Beteiligten können doch allzu leicht alle gutgemeinten Bemühungen durchkreuzen.

MICHAEL REDISKE

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