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Rundbrief Nr. 12 (August 1996)

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Tschetschenien:

Zwei Jahre auf Bewährung für einen Todesschuß

Ein Jahr nach den tödlichen Schüssen auf die "Focus"-Reporterin Natalja Aljakina-Mrozek beim Geiseldrama von Budjonnowsk ist ein angeklagter Soldat zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Das Militärgericht der südrussischen Garnisonsstadt Lermontow sprach den heute 20-jährigen nach zweimonatiger Verhandlungsdauer der "fahrlässigen Tötung" schuldig. Der Ehemann der getöteten Reporterin, Gisbert Mrozek, legte nach dem Urteil Berufung ein.

Es war der erste Prozeß um den Tod eines Journalisten im Zusammenhang mit dem Tschetschenienkrieg, der vor 19 Monaten mit dem Einmarsch russischer Truppen begonnen hatte. Insgesamt kamen seit Kriegsbeginn nach russischen Angaben 15 Journalistinnen und Journalisten in Tschetschenien ums Leben.

Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, die Mitarbeiterin des deutschen Nachrichtenmagazins und der Rundfunknachrichtenagentur RUFA am 17. Juni 1995 nach einer Ausweiskontrolle mit zwei Schüssen aus einem Bordmaschinengewehr tödlich verletzt zu haben. Das Ehepaar Mrozek war nach Budjonnowsk gereist, um über die Geiselnahme tschetschenischer Rebellen in einem Krankenhaus zu berichten. Nach Darstellung des Angeklagten hatte er die tödlichen Schüsse versehentlich mit dem Fuß ausgelöst, als er in den Panzer einstieg.

Der Vorsitzende Richter begründete das Urteil damit, daß der Angeklagte vor dem Einsteigen in den Panzer hätte nachprüfen müssen, in welchem Zustand die Waffe sei. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Soldaten unvorsichtigen Gebrauch seiner Waffe vorgeworfen und für Freispruch plädiert.

Das Militärgesetz sieht für dieses Vergehen eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren vor. Daß sich die Schüsse lösen konnten, war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ein Konstruktionsfehler des Panzers.

Der Tod von Natalja Aljakina-Mrozek hatte vor einem Jahr in Deutschland Aufsehen erregt (ROG berichtete). "Man hat einen Sündenbock gefunden und gleich wieder laufen lassen", sagte Gisbert Mrozek, der als Nebenkläger in diesem Prozeß auftrat, nach dem Urteil. Die verantwortlichen Kommandeure seien nicht befragt worden, bemängelte er. Mrozek hatte versucht zu beweisen, daß die tödlichen Schüsse sich nicht zufällig hatten lösen können. Zudem sei nach dem Prozeß nicht ausgeschlossen, daß es einen Schießbefehl gegeben habe.

Über die Berufung Mrozeks muß nun das Oberste Militärgericht des Nordkaukasischen Militärbezirks in Rostow am Don entscheiden.

Bei den Ermittlungen hatte es nach Angaben Mrozeks Untersuchungsfehler gegeben. So sei die Tatwaffe monatelang verschwunden, die Fingerabdrücke am MG seien unbrauchbar gewesen. Der damalige untersuchende Staatsanwalt war im Herbst abgelöst worden.

Der Vorsitzende Richter hatte im Verlauf der Verhandlung mehrmals gesagt, daß an dem Militärposten am Ortseingang Chaos geherrscht habe.

Gemma Pörzgen

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