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Rundbrief Nr. 12 (August 1996)

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Algerien:

3 Jahre Freiheitsstrafe für eine Karikatur

Am 4. Juli wurde der Karikaturist Chawki Amari in seiner Wohnung in Algier von der Polizei festgenommen. Grund: eine Karikatur, die am 1. Juli in der privaten Tageszeitung "La Tribune" erschienen war.

Zwischen Häuserblocks hängen auf Wäscheleinen algerische Nationalflaggen herum. Zwei Passanten unterhalten sich darüber. Fragt der eine: "Machen die das wegen des 5. Juli?" (dem Jahrestag der Unabhängigkeit) "Nein", sagt der andere, "sie hängen die schmutzige Wäsche auf."

Als "Beleidigung der Staatsembleme" beurteilte der Richter diese Karikatur. Unter Berufung auf § 160 des algerischen Strafgesetzbuches, der dafür 5 - 10 Jahre Gefängnis vorsieht, stellte er einen Haftbefehl gegen Chawki Amari aus. Der Herausgeber der Zeitung, Khaireddine Améyar, sowie die Chefredakteurin, Baya Gacemi, wurden in Untersuchungshaft genommen, "La Tribune" de facto suspendiert.

Chawki Amari gilt als einer der begabtesten algerischen Karikaturisten. Bevor er für "La Tribune" zeichnete, arbeitete er für die francophonen Wochenzeitungen "Le Jeudi d'Algérie" und "L'Opinion". Bis zu den Präsidentschaftswahlen 1995 publizierte er eine tägliche Chronik mit dem Titel "Das Auge des Zyklons", in der er das Absurde gekonnt mit Frechheit zu entlarven verstand.

Rund 20 französische und belgische Zeitungen beteiligten sich an der Kampagne für die Freilassung von Chawki Amari und für das Wiedererscheinen von "La Tribune", die das Internationale Sekretariat von ROG in Paris initiiert hatte. Ebenso wie mehrere algerische Zeitungen druckten sie Protest-Karikaturen ab; die algerische Tageszeitung "El Watan" bot dem suspendierten Blatt zwei Seiten ihrer eigenen Ausgabe an; ROG und das "Committee to Protect Journalists" forderten zwei Tage vor dem Prozeß in einer gemeinsamen Erklärung die Freilassung Amaris und der beiden inhaftierten Journalisten sowie die Einstellung der Verfahren und jeglicher Pressezensur.

Am 31. Juli wurde der Karikaturist zu 3 Jahren Gefängnis auf 5 Jahre zur Bewährung verurteilt. Das Gericht hob zwar die Suspendierung von "La Tribune" auf, die Staatsanwaltschaft legte aber dagegen Berufung ein ­ die Zeitung ist noch nicht wieder erschienen...

Es gibt weiterhin viel zu tun.

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