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Rundbrief Nr. 10 (April 1996)

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Liberias Presse:

"Unprofessionell und sensationslüstern" oder unabhängig und regierungskritisch

Monrovia, Hauptstadt der ältesten Republik Afrikas im Januar 1996: Es gibt keine öffentliche Stromversorgung und kein funktionierendes Telefonnetz. Seit die Rebellen der National Patriotic Front of Liberia (NPFL) um den Warlord Charles Taylor im Oktober 1992 vergeblich versuchten, die Hauptstadt zu erobern, liegen ganze Stadtteile in Schutt und Asche. Das Leben geht in Wellblechhütten neben den zerstörten Häusern weiter, der Krieg auch - wie die Berichte über die jüngsten Kämpfe leider beweisen.

Über 1 Million Menschen drängen sich heute in Monrovia, wo vor dem Krieg 300.000 Einwohner lebten. Im Gebäude des ehemaligen Gesundheitsministeriums mit Räumen für etwa 200 Beamte, hausen 5.000 Flüchtlinge. Soldaten patrouillieren auf den Straßen und kontrollieren an zahlreichen Checkpoints den Verkehr.

20 km außerhalb Monrovias beginnt Rebellengebiet. Auch nach dem Friedensschluß vom 19. August 1995 kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen Rebellengruppen und der westafrikanischen Friedenstruppe "Ecomog", die für den Frieden im Land sorgen soll.

Auch die einst für Westafrika vorbildliche Presselandschaft hat unter den Kriegsverhältnissen sehr gelitten. Von 17 Publikationen gegen Ende der 80er Jahre erscheinen im Januar 1996 nur noch sieben Zeitungen regelmäßig in Liberia. Sie existieren mehr schlecht als recht vom Anzeigenverkauf an Nicht-Regierungs-Organisationen und die wenigen funktionierenden Unternehmen. Der redaktionelle Teil befaßt sich mit dem Friedensprozeß und mit einigen wenigen Reportagen aus dem Land, z.B. über einen Rebellenkämpfer, den der "New Democrat" am 6.1.96 porträtierte. Er ist gerade 11 Jahre alt und steht für einen der perversesten Aspekte dieses Krieges: Etwa 6.000 Kindersoldaten gehören zu den Kämpfern. Begegnungen mit ihnen sind völlig unkalkulierbar, da sie häufig unter Drogen stehen. Entsprechend risikoreich ist die Berichterstattung aus ländlichen Gebieten. Der Fall des Journalisten Albert Mende, dem Rebellen die Finger und Ohren abgeschnitten haben, zeigt, mit welcher Grausamkeit dieser Krieg geführt wird. Einige Beobachter halten ihn für die blutrünstigste kriegerische Auseinandersetzung unserer Zeit.

Trotz alledem, zu Beginn des Jahres 96 herrschte Aufbruchtimmung in Monrovia. Im Laufe des Jahres sollen die westafrikanischen Friedenstruppen im ganzen Land stationiert werden und endlich die Rebellen entwaffnen. Für die Medien machte sich diese Entwicklung besonders durch das Entstehen neuer Radiostationen bemerkbar. Zum staatlichen Radio und einem katholischen Sender kamen in letzter Zeit drei neue Stationen hinzu. Ein missionarischer amerikanischer Sender, ein Community-Radio für Monrovia und mit "Radio Ducor" die erste kommerzielle private Station. Die Situation für die Medien bleibt allerdings weiter schwierig. (Dieser Artikel wurde vor dem Wiederaufflammen der Kämpfe geschrieben. Er enthält daher keine Einschätzung, wie sich die aktuelle Zuspitzung der Lage in Liberia auch auf die Medien auswirkt. Anm. d.Red.)

Seit dem Friedensabkommen vom August 95 bilden drei der bedeutendsten Warlords zusammen mit drei Zivilisten eine Übergangsregierung und sitzen an den Schaltstellen der politischen Macht. Gemeinsam ist ihnen die Abneigung gegenüber einer kritischen Presse, wie sie sich in Liberia in den 150 Jahren seiner neueren Geschichte beispielhaft für Afrika gebildet hatte. Neben der Einschüchterung einzelner Journalisten ergehen allgemeine Warnungen. Charles Taylor, Chef der NPFL, der wohl mächtigste der Warlords, bezeichnete Anfang Dezember letzten Jahres bei einer Pressekonferenz die Medien Liberias als "unprofessionell und sensationslüstern". Sein Berater für wirtschaftliche und politische Fragen, J. E. Mends-Cole Gbor, warnte die Medien, durch Veröffentlichungen den Friedensprozeß zu stören.

Als Mitte Dezember die Ministerin für Kommunikation, Victoria Reffel, Mitglied der NPFL, alle Journalisten aufforderte, sich offiziell bei ihrem Ministerium akkreditieren zu lassen, weigerten sich die Mitglieder der Press Union of Liberia (PUL), die bisher alle Journalisten aus dem In- und Ausland akkreditiert. Ein Ultimatum zum 4. Januar beantwortete die Gewerkschaft mit einem Boykott aller Pressekonferenzen und Pressemitteilungen der Übergangsregierung. Für J. Siaka Konneth, Präsident der PUL, steht die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der liberianischen Medien auf dem Spiel. "Wir sind ein Gegenüber zur Regierung, wir haben nicht mit dem Diktator Doe kooperiert, und wir kooperieren auch nicht mit der jetzigen Regierung", beschreibt G. Henry Andrews vom "New Democrat" die Situation. Der Konflikt verschärfte sich nach der Verhaftung zweier Journalisten. Obwohl es keinen offiziellen Grund für die Verhaftung gibt, scheint sie im Zusammenhang mit einem Artikel vom 29.12.95 im "Daily Observer" zu stehen. James Zeitnah, einer der Festgenommenen, spekulierte darin über Verbindungen zwischen Rebellen in Sierra Leone und der NPFL. Nach internationalen Protesten, auch von ROG, wurde Seitua gegen Kaution freigelassen.

Martin Zint

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