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Rundbrief Nr. 10 (April 1996)

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Algerien:

Aus der Schußlinie

Wie schon 1995 hat ROG auch in diesem Jahr einem algerischen Kollegen geholfen, sich für eine Weile der unmittelbaren Bedrohung zu entziehen. Zusammen mit der "Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte" und "Journalisten helfen Journalisten" ermöglichen wir ihm , für vorerst drei Monate in Deutschland zu bleiben. Ali B. hatte die Hamburger Stiftung in einem Brief um Hilfe gebeten, weil er zwischen alle Fronten geraten war.
Im folgenden eine Zusammenfassung seines Erlebnisberichts, den er uns geschickt hat.

Mit seinen Artikeln für die französischsprachige Tageszeitung "El Moudjahid" in Konstantin - über Korruption und Immobilienspekulation, die Frage nach Demokratie in einem Ein-Parteien-Staat und zuletzt einer Reportage über ein örtliches Krankenhaus - handelt er sich 1979 eine Verhaftung, ein polizeiliches Verhör und sein erstes Berufsverbot ein. Er schreibt weiter - unter Pseudonym, u.a. eine Kulturrubrik in einem wöchentlichen Sportmagazin. Sein Versuch, 1985 für die offizielle Nachrichtenagentur "Algérie Press Service" zu arbeiten, scheitert schon 3 Monate später nach polizeilicher Intervention bei der Agentur. Fünf Jahre lang verdient er seinen Lebensunterhalt auf andere Weise, arbeitet an der Universität von Konstantin (Kimalehre/Geografie) und bleibt "bis zur Geburt der unabhängigen Presse 1990" journalistisch abstinent. Ab 1991 ist er für verschiedene Zeitungen tätig, veröffentlicht Artikel u.a. in "El Watan" und "Le Matin" (darunter ein kritischer Bericht über den fundamentalistischen Einfluß an der Universität). 1993 informiert ihn die algerische Polizei darüber, daß sein Name auf einer "Todesliste" der GIA, dem bewaffneten Arm der Islamischen Heilsfront FIS, stehe. 1995, während einer Wahlveranstaltung des früheren Ministerpräsidenten Rheda Malek, Kandidat für die Wahlen vom November letzten Jahres, zitiert Ali B. kompromittierende Aussagen des ehemaligen Geheimdienstchefs General Betchine, heute persönlicher Berater von Präsident Zéroual. Während er am 22. September zu einem Seminar in Tunis weilt, wird seine Wohnung durchsucht, einen Tag später wird er von der Universität suspendiert. Seine Eltern werden drangsaliert.

Ali B. kann und will nicht nach Algerien zurück. Aber Tunesien will ihn ausweisen.

Jetzt ist er hier. Die Veranstaltungen in Hamburg zu "../../news/pressefreiheit und Menschenrechte in Afrika" boten einen willkommenen Anlaß, ihn zur Vorbereitung und Teilnahme einzuladen - so ist er erstmals aus der Schußlinie verschwunden.

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