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Reporter ohne Grenzen
Rundbrief 7, Oktober 1995

ROG

Rußland:

Kein "Zufälliger" Tod

Vor seiner offiziellen Moskaureise Anfang September wandten sich RSF und ROG mit einem Brief an Bundeskanzler Kohl, das Auswärtige Amt und an die Russische Botschaft.

Am 17. Juni des Jahres war die russische Journalistin Natalja Aljakina, die für "focus" und die Rundfunkagentur Rufo" tätig war, in Budjonnowsk, auf tschetschenischem Gebiet, von einem Mitglied der Truppen des russischen Innenministeriums erschossen worden. Wir wiesen nicht nur auf die Umstände ihres Todes hin, sondern brachten auch unsere Zweifel an der offiziellen Darstellung des Geschehens zum Ausdruck:

" ... Ihr Wagen, in dem sich außerdem der deutsche Journalist Gisbert Mrozek (ihr Ehemann) und der Chauffeur befanden, hatte - nach eingehender Durchsuchung - bereits eine Straßensperre der russischen Truppen passiert. Die Journalistin wurde von Schüssen von einem Maschinengewehr tödlich getroffen, die aus einem Schützenpanzer der Straßensperre abgefeuert wurden. (...) Offiziellen Angaben zufolge wurde Aljakinas Tod durch einen "Bedienungsfehler" seitens des jungen russischen Soldaten verursacht. Dieser habe, als er in den Turm des Schützenpanzers kletterte, mit den Füßen versehentlich das Maschinengewehr berührt. Die Waffe - ungesichert - sei dadurch ausgelöst worden . (...)

Nach Auskunft von Militärexperten, die von Gisbert Mrozek in Moskau befragt wurden, ist es unmöglich, auf diese Art und Weise "zufällig" Schüsse aus einem MG auszulösen."

Der Brief schloß mit der Bitte an den Bundeskanzler, sein Ansehen und seinen Einfluß bei Präsident Boris Jelzin geltend zu machen, "damit die Umstände von Natalja Aljakinas Tod und die Verantwortlichkeit von einer unabhängigen Untersuchungskommission geklärt werden, wenn nötig, bis in die Spitzen der Militärhierachie."

Im Antwortschreiben des Auswärtigen Amtes an ROG vom 22. September heißt es dazu: "Der deutsche Botschafter in Moskau hat sich auf Weisung von Bundesinnenminister Kinkel unmittelbar mach dem Todesfall hochrangig und mit Nachdruck bei der russischen Regierung für die rückhaltlose Aufklärung des Todes von Frau Aljakina eingesetzt" So gingen am 19. Juni ein Schreiben an den stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Ignatenko sowie zwei Verbalnoten an das russische Außenministerium am 19. Juni und am 24. Juli. "In einem Brief an den Ehemann von Frau Aljakina, Herr Mrozek, hat der russische Ministerpräsident Tschernomyrdin zugesagt, daß alle erforderlichen politischen und juristischen Schritte eingeleitet werden, die sowohl zur Aufklärung des Todesfalles als auch zur Vermeidung solcher Tragödien in Zukunft notwendig sind. Der Pressesprecher von Präsident Jelzin teilte mit, daß der Präsident persönlich den Gang der Dinge überwache."

Gisbert Mrozek hat sich bei "Reporter ohne Grenzen" für die Unterstützung bedankt. Denn dank der internationalen Aufmerksamkeit hat die Moskauer Staatsanwaltschaft nun die Ermittlungen übernommen. Am Montag, dem 25. September, sollte der erste Ortstermin in Budjannows sein, bei dem der Tathergang nachgestellt werden soll. Angesichts der russischen Verhältnisse ist es schon ein Fortschritt, daß nun richtig ermittelt wird.

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