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ROG Rundbrief
Nr. 6, August 1995

ROG

Rußland / Tschetschenien:

Krieg im Scheinwerferlicht der Medien

Rußlands Regierungschef Wiktor Tschernomyrdin erklärte den Krieg in Tschetschenien vor wenigen Tagen für "beendet". Die gegnerische Seiten einigten sich in Grosny auf ein erstes Militärabkommen. Über die zentralen politischen Fragen wird noch verhandelt. Immer noch kommt es zu einzelnen Kämpfen in der Kaukasus-Republik.

Auch für die Medien in Rußland bedeutete der mehr als 8 Monate währende Krieg eine Zäsur: 10 Journalisten wurden in diesem Jahr bei Ausübung ihrer Tätigkeit in der Russische Föderation getötet; 7 von ihnen in Tschetschenien, darunter der "Stern"-Korrespodent Jochen Piest. Andere wurden angeschossen, mißhandelt, festgehalten. Zwei Petersburger Journalisten werden bis heute vermißt.

Nach Angaben des "Fonds zur Verteidigung von Glasnost" in Moskau haben nicht alle Vorkommnisse mit dem Kriegsgeschehen zu tun. Oft seien es russische Soldaten, die wahllos das Feuer auf Journalisten eröffneten. Der Tod der russischen Journalistin und "focus"-Mitarbeiterin Natalja Aljakin, die am 17. Juni von einem Soldaten erschossen wurde, löste eine Protestwelle aus. "Journalisten, die in Tschetschenien waren, wissen, wie ohne jeden Grund auf Reifen von Autos oder über die Köpfe hinweg geschossen wird, um sie einzuschüchtern", heißt es in einem offenen Brief an die Moskauer Regierung, den schon mehr als 1000 Kollegen unterzeichnet haben.

Eine der großen Errungenschaften der russischen Perestroika war "Glasnost". Dieses Schlagwort Michail Gorbatschows stand vor 10 Jahren für die plötzliche Öffnung aller Lebensbereich. Damals begannen die Medien sich grundlegend zu reformieren. Heute berichten vor allem die Zeitungen in Rußland frei und ungehindert. Doch die Angst ist groß, daß angesichts des fragilen Demokratiesierungsprozesses im Land die Freiheit der Presse wieder beschnitten werden könnte. Gerade im Tschetschenien-Krieg bestand die Gefahr, daß "unliebsame" Informationen durch die Regierung unterdrückt werden könnten.

Daß dies weniger als befürchtet versucht wurde und Zeitungen, aber auch der Privatsender NTW, für den westlichen Leser verblüffend offen und kritisch über die Kriegsereignisse und Moskauer Machtspiele berichteten, stellte "Reporter ohne Grenzen" bei der Untersuchungsmission für die Europäische Union im Februar fest.

Bei Interesse am vollständigen Bericht (deutsche Fassung): im Berliner Sektionsbüro für 10 DM (inkl. Porto) erhältlich.

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