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Rundbrief Nr. 04 April 1995

ROG

Rußland:

Chronik einer RSF-Mission

Vor meiner privaten Moskaureise Anfang Februar rief ich im Internationalen Sekretariat den für Rußland zuständigen Referenten Jean Chichizola an, um zu fragen, ob ich für RSF angesichts der Ereignisse in Tschetschenien und des Moskauer Machtkampfes mit dem "Komitee zur Verteidigung von Glasnost" und Journalisten vor Ort Gespräche führen sollte. Zu meiner Überraschung rief Jean zwei Tage später wieder an und erzählte, die Pariser Zentrale habe sich zu einer schnellen Rußland-Mission in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission entschlossen und fragte mich, ob ich die nächsten zehn Tage mitfahren könne. Wir einigten uns darauf, daß ich in Moskau drei Tage an der Mission teilnehme und Jean dann mit seinem Begleiter, Stephane Herbert - einem durch die Arbeit in Tadschikistan in solchen Einsätzen erfahrenen Pariser Fotojournalisten - nach Dagestan, Inguschetien und Tschetschenien weiterreisen würde. Schon am Telefon stellten Jean und ich die Liste einiger wichtiger Moskauer Gesprächspartner zusammen, denen bereits von Paris aus unser Besuch angekündigt wurde.

Gleich nach Jeans und Stephanes Ankunft im Hotel hatten wir unseren ersten Termin im "Komitee zur Verteidigung von Glasnost" mit dem Leiter Aleksej Simonow und zwei seiner Mitarbeiter. Sie waren für uns die wichtigste Anlaufstelle, da sie ganz ähnlich wie RSF alle Fälle dokumentieren, in denen Journalisten auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion bei Ausübung ihrer Tätigkeit behindert, verhaftet oder sogar getötet wurden. Gerade zu Beginn des Tschetschenienkrieges wurden in- und ausländische Berichterstatter vom russischen Militär massiv behindert, ja sogar bedroht. So mußte beispielsweise ein Reuters-Fernsehteam seinen Wagen verlassen, dieser wurde vor aller Augen mit mehreren Schüssen aus Maschinenpistolen durchlöchert. Alle diese Vorfälle hat das Komitee ausführlich dokumentiert und auch im Auftrag eines US-lnstituts eine soziologische Studie über die Arbeit von Journalisten im Tschetschenien-Krieg verfaßt. In der Nesawissimaja Gaseta werden solche Berichte veröffentlicht und auf diesem Wege von RSF ausgewertet.

Nun kam es zum ersten direkten Kontakt und der Vereinbarung, enger zusammenzuarbeiten. Auch das Glasnost Komitee hat einen "Survival Guide" zusammengestellt und war sehr an einem Vergleich mit dem von RSF interessiert. Dort bekamen wir auch ausführliche Informationen über die Gesetzesvorhaben der Duma zur Medienpolitik. an denen das Komitee beratend beteiligt ist.

In den drei Tagen haben wir von morgens früh bis abends spät Gespräche geführt., darunter mit Kollegen der französischen Nachrichtenagentur AFP, dem Vizechef der unabhängigen russischen Nachrichtenagentur Interfax, dem populären und mutigen Fernsehmann Jewgenij Kisseljow, Maxime Joussin von der Izwestija u.s.w. Wir stellten fest, daß RSF uns auch in hohen Regierungsstellen die kurzfristigsten Termine ermöglichte. So war der Präsident des Staatskomitees für das Pressewesen, Sergej Grisunow, bereit uns zwei Stunden nach unserem Anruf zu treffen. Die Begegnung mit ihm war sehr bewegend: Er war selbst als Journalist in Jugoslawien tätig gewesen und hatte dort zwei seiner besten Freunde verloren, zwei russische Journalisten, die bei ihrer Arbeit erschossen wurden. Durch dieses Erlebnis und Materialien von RSF über Ex-Jugoslawien war ihm die Organisation nicht nur ein Begriff sondern er sprach verblüffend Offen mit uns. Auch im Weißen Haus war Regierungssprecher Walerij Crischin gleich zu einer Begegnung bereit. Er sorgte auch ganz unbürokratisch dafür, daß Stephane und Jean sofort ein Visum für die Weiterfahrt nach Tschetschenien erhielten.

Im Pressezentrum der tschetschenischen Opposition, mitten im Herzen von Moskau bekamen wir die nötigen Tips, auf welchen Wegen die Weiterfahrt möglich ist. Im Kellergeschoß eines Wohnhauses, als Jugendclub getarnt, haben Vertreter von Präsident Dschochar Dudajew eine Informationsbörse für Journalisten eingerichtet. Per Telefon und Fax versorgen sie ausländische Reporter und Botschaften mit Informationen. Wer nach Tschetschenien reisen wollte, fand hier die richtige Anlaufstelle. Jean und Stephane reisten weiter nach Tschetschenien, Dagestan und Inguschetien. Sie wurden hier von ihrem russischen Dolmetscher Alexander begleitet.

Nach ihrer Rückkehr haben sie einen Ausführlichen Missionsbericht über die ganze Reise verfaßt. Er enthält eine Fülle von Informationen, die den Einfluß des Tschetschenien-Krieges auf die Lage der Presse in Rußland sehr differenziert beschreiben. Ein großes Problem scheint mir hier das der Sprache: Das Internationale Sekretariat führt relativ häufig Missionen durch, bei denen auch deutsche Mitglieder, die Länderspezialisten sind, mit einbezogen werden sollen. Während der gemeinsamen Moskauer Zeit war die Verständigung mit Jean und Stephane relativ leicht, da beide sehr gut englisch sprechen. Ich habe fast alle Gespräche vom Russischen ins Englische übersetzt. Der Bericht wurde dann zunächst nur auf Französisch geschrieben. Wenn wir deutschen Kollegen nicht nur als Rechercheure tätig werden sollen, sondern auch als Mitautoren, muß sich das ändern. Wichtig wäre auch, daß von jedem Bericht immer zumindest auch eine englische Fassung entsteht, damit sie nicht nur in Frankreich und der Schweiz eine Leserschaft findet.

Gemma Pörzgen

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