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Rundbrief Nr. 3 Dezember 1994

ROG

Iran:

Zehn Jahre Haft für eine Karikatur

Zehn Jahre Haft für eine Karikatur. So lautete der Schuldspruch für den iranischen Karikaturiste Manoucher Karimzadeh. Seit mehr als einem Jahr sitzt der Zeichenkünstler nun im Gefängnis. Verurteilt wegen angeblicher "Blasphemie" und "Beleidigung des Andenkens der islamischen Republik, des Iman Khomeni".

Im Oktober 1994 lud RSF 24 französische Karikaturisten in Paris dazu ein, mit ihren Karikaturen an das Schicksal des iranischen Kollegen zu erinnern. Die Aktion fand sehr viel Aufmerksamkeit in den französischen Medien, und es erschien ein RSF-Buch, das die Karikaturen abbildet.

Seither hat die iranische Führung wiederholt behauptet, daß der Karikaturist schon längst freigelassen worden sei. Belege für die angebliche Freilassung hat die Regierung bisher nicht vorgelegt. Es bietet sich an, diese Aktion auch in Deutschlana zu starten. Da es angesichts der förderalen Struktur Deutschlands keinen Sinn macht, diese Veranstaltung an einem zentralen Ort zu machen und wir ohne hauptamtliches Büro in Berlin bisher noch keine "Manpower" dafür haben, bietet es sich an, daß die Regionalgruppen in ihrer Stadt eine solche Veranstaltung planen.

Die Frankfurter Gruppe beabsichtigt, Anfang 1995 bekannte Karikaturisten im Rhein-Main-Gebiet für solch eine Aktion zu gewinnen, die zu einem gemeinsamen Termin Karikaturen zeichnen werden. Das wäre ein guter Anlaß für die Berichterstattung regionaler und ansässiger überregionaler Medien. den Fall des Zeichners zu publizieren. Gleichzeitig eine willkommene Möglichkeit Interesse für unsere deutsche Sektion zu wecken. Wenn ihr auch, ob in München, Köln, Halle, Hamburg, Berlin oder wo auch immer, eine solche Aktion starten wollt könnt & die Karikatur von Karimzadeh sowie die Karikaturen französischer Kollegen im Berliner Büro anfordern. Wer sich über Erfahrungen bei der Organisation einer solchen Aktion bei der Frankfurter Gruppe erkundigen will, kann sich bei Gemma Pörzgen melden.

Infos bei Gemma Pörzgen (Frankfurter Rundschau Tel. 069 - 21 99 67)

Diese Karikatur wurde Karimzadeh zum Verhängnis. (Bild der Karrikatur muß noch eingescannte werden)

Hintergrund

Am 1. April 1992 wird ein Teil der Redaktion de wissenschaftlichen Monatszeitschrift Farad verhaft, Die Hisbollah erklärt, eine der dort veröffentlichten Karikaturen von Karimzadeh habe den Ayatollah Khomeini lächerlich gemacht. Gleichzeitig wird das Magazin vom Ministerium für Kultur und islamische Orientierung verboten und die gesamte Auflage aus dem Handel zurückgeholt.

Als Grundlage dient Artikel 27 des "Gesetzes über die Pressefreiheit", das jede Publikation mit Verbot bedroht, die gegen die religiösen Autoritäten gerichtet ist.

Das corpus delicti: die Karikatur eines alten Mullah, der Fußball spielt mit dicken Augenbrauen, den rechten Arm und das linke Bein amputiert. Sie illustriert einen Artikel über den schlechten Zustand des Sports im Iran. Die Veröffentlichung, just vor der Parlamentswahlen im April 1992, ruft eine heftige Reaktion der fundamentalistischen Kreise hervor, die darin ein "kulturelles Komplott" sehen. Mehrere Demonstrationen werden vor dem Gebäude der Zeitschrift Farad in Teheran und vom organisiert. auf denen gefordert wird: "Der amerikanische Herausgeber muß bestraft werden. Die Befürworter von Salman Rushdie müssen bestraft werden werden." Das Gebäude von Farad wird bei dieser Gelegenheit belagert.

Währenddessen geht in Teheran ein Gerücht um, wonach die Karikatur in Wirklichkeit im nachhinein, nach Redaktionsschluß, hineinmontiert wurde, um den Journalisten von Farad anzuschwärzen.

Naser Arabha, Direktor von Farad. wird am 16. September 1992 von einem Revolutionstribunal zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Zeichner Karimzeh erhält ein Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe von 500 000 Rial, umgerechnet 550 DM.

Am 14. Mai 1993 kassiert der Oberste Gerichtshof das Urteil, und Mitte Oktober wird Karimzadeh zum zweiten Mal verurteilt: diesmal zu zehn Jahren Gefängnis. Wegen "Blasphemie" und "Beleidigung des Andenkenks des Gründers der islamischen Republik, des Imam Khomeini".

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