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Rundbrief Nr. 2, September 1994

ROG

Türkei:

Kidnapping in Kurdistan

Zwei Reporter wurden drei Monate lang von militanten PKK-Anhängern gefangengehalten. Sie erzählen.

Kutlu Esendemir und Levent Recep Öztürk wurden von der PKK, der kurdischen, marxistisch-leninistisch orientierten Guerillabewegung entführt und gefangengehalten. Die Arbeiterpartei Kurdistans befindet sich seit 1984 im Osten des Landes im Konflikt mit den bewaffneten türkischen Kräften. Im vergangenen Oktober warf die PKK den Medien eine parteiische Berichterstattung über den Konflikt vor und erklärte, daß künftig kein Journalist mehr in der Region arbeiten darf. Für die ausländische Presse wurde einige Wochen später eine Zensur eingeführt. Esendemir hatte der Leitung des Informationsprogramms des Fernsehkanals TGRT vorgeschlagen, eine Reportage im Südosten zu machen. Nach seiner Befreiung erklärte er, sie seien "stellvertretend für die ganze türkische Presse verurteilt" worden.

Nicht nur die Guerilla ist ein Hindernis für die freie Arbeit der Journalisten in der Region, sondern auch die Kräfte des türkischen Sicherheitsdienstes. Jeder Journalist, der in Gebieten des Ausnahmezustandes arbeitet, ist theoretisch verpflichtet, seine Anwesenheit bei der Präfektur anzumelden. Die Polizisten haben es dann sehr eilig, denjenigen "unter Schutz" zu stellen. Esendemir und Öztürk kamen aus Ankara und hielten sich nicht an diese Auflagen. Daraufhin wurden sie in der ersten Nacht von Sicherheitskräften in ihrem Hotel besucht und verhört.

Esendemir, der Journalist des Teams, und Öztürk, der Kameramann, scheinen kaum etwas gemeinsam zu haben, außer für TGRT gearbeitet und drei Monate in den Händen der PKK zugebracht zu haben. Der Kameramann war zum ersten Mal in Kurdistan, während Esendemir dort bereits für die Tageszeitung Cumhuriyet und für die Wochenzeitung Nokta gearbeitet hat. Es war Esendemir, der von sich aus vorschlug, über die "ungesühnten Morde" (Personen, die vor mehr als drei Jahren getötet wurden, ohne daß ein Schuldiger verhaftet wurde) und über das Dorf Güclü Konak zu recherchieren, das von der PKK besetzt worden war.

Am 26. Januar wurden die beiden Journalisten auf der Straße zu diesem kleinen, zwischen Cizre und Idil gelegenen Ort gefangengenommen. Laut Öztürk hatte Esendemir die Reportage komplett organisiert: Der Bürgermeister von Güklü Konak sollte Leute schicken, um sie an den steilen Ufern des Tigre abzuholen. "Es war praktisch Nacht, als wir am Fluß ankamen. Aber es war niemand am Treffpunkt."

Schließlich fanden wir ein Boot. Helikopter flogen über unseren Köpfen. Aber niemand erwartete uns am anderen Ufer", erzählt Öztürk. Esendemir fragte Öztürk, ob er umkehren wolle, weil er sich nicht sicher war, was sich hinter diesem Berg befand." "Zwei Guerilleros erschienen", fährt Öztürk fort. "Sie fragten uns, wer wir seien. Später trafen noch vier weitere Männer auf uns."

Vom ersten Augenblick an versicherten die Guerilleros, daß die Reporter nichts zu befürchten hätten. Aber Öztürk versicherte, daß er sich erst nach 20 Tagen Gefangenschaft außer Gefahr fühlte, Esendemir dagegen sagt, er habe 97 Tage "unter Todesbedrohung" gelebt, wobei er übrigens die drei Tage hinzufügte, die er nach der PKK-Haft in den Händen der Polizei zubrachte.

Den Gefangenen waren nie die Augen verbunden worden. Sie hatten sogar oft kurze Gespräche mit ihren Bewachern, wobei aber immer eine gewisse Distanz gewahrt wurde. "Wir haben euch nicht gebeten, in unsere Region zu kommen", wiederholten ihre Bewacher. Und fügten hinzu: "Über eure Befreiung wird von einem Kommandanten namens Cuma entschieden."

Laut Levent Recep Öztürk war die Unsicherheit des Wartens die härteste Prüfung. "Jeden Tag haben wir auf unsere Befreiung gehofft." Während der drei Monate ihrer Gefangenschaft wurden sie in Höhlen untergebracht und waren immer von fünf Milizionären bewacht. "Wir haben niemals Hunger gehabt", präzisiert Öztürk, der 150 Kilo wog und während der Gefangenschaft 20 Kilo verlor.

Öztürk und Esendemir erfuhren von ihrer bevorstehenden Befreiung am 21. März, anläßlich von Newroz, dem traditionellen kurdischen Frühjahrsfest. Aber bis zur tatsächlichen Befreiung dauerte es noch einen Monat.

Am 26. April wurden sie auf einer verlassenen Straße freigelassen. Sie erfuhren später, daß sie nahe der Stadt Sürt waren. Es vergingen drei Tage mit Verhören, bevor die Polizei überzeugt war, daß sie einfache Reporter waren. Dem lokalen Gouverneur war gesagt worden, der Fernsehkanal TGRT dementiere, sie in die Region geschickt zu haben. Die beiden Journalisten haben übrigens für ihre drei Monate Gefangenschaft kein Korrespondentenhonorar bekommen! Die große Mehrheit der Presse schwieg während der ganzen Zeit.

Warum?

Claude Ortacq

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