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Rundbrief Nr. 2, September 1994

ROG

Ruanda/Zaire:

Ein erster Blick in das Flüchtlingsradio von Goma

Am 29. August ist Michael Rediske von der deutschen Sektion "Reporter ohne Grenzen" nach Goma geflogen, um im Auftrag des internationalen Sekretariats das humanitäre Radio zu leiten, das "Reporters sans frontières" dort installiert hat. Drei Tage später hat er für unseren Rundbrief einen ersten kurzen Bericht geschickt.

Radio ist live. Eigentlich. Aber Radio Gatashya ("Die Schwalbe, die die gute Nachricht bringt") ist anders.

An die 70 Hilfsorganisationen arbeiten in diesem Raum mit seinen vier großen Flüchtlingslagern. In keinem der Lager sind weniger als 170.000 Bewohner. Da kann es schon mal vorkommen, daß das Radio von "Reporters sans frontières" erst heute die Nachricht erhält, daß ein Teil des Lagers von Kibumbaschon ab morgen ein paar Kilometer weiter verlegt wird. Also gleich ein 5 Minuten Interview mit dem Koordinator vom UNHCR. Am besten gleich mittags, und live. Nein, es geht nicht, da die Übersetzer erst am Nachmittag kommen. Also verschieben wir die Produktion auf morgen früh. Alles, was wir senden, muß in drei Sprachen ausgestrahlt werden. - "Französisch", "Kenynvanda", die Sprache der meisten Flüchtlinge und "Swaheli", die Sprache der einheimischen Bevölkerung in Zaire.

Um halb neun morgens beginnt das "Journal". Ein vorerst hochtrabender Name, wenn man bedenkt, daß all das, was politisch in Ruanda und in den Flüchtlingslagern vor sich geht, über das Radio nicht verbreitet werden kann. Einerseits, weil wir nicht genug wissen und unsere Informationen nicht immer nachprüfen können - ob zum Beispiel wirklich keine Gefahr für rückkehrende Flüchtlinge besteht - und andererseits, weil es die Arbeit des Radios und der Hilfsorganisationen hier unmöglich machen würde, da die Lager größtenteils von den Führern der Milizen und der Armee des gestürzten Regimes beherrscht wird. Sie bedrohen Rückkehrwillige und haben auch schon einige ermordet, die sich heimlich auf den Weg gemacht haben.

Radio Gatashya muß sich also vorerst auf seine Rolle als humanitäres Radio beschränken. De facto steht es im Dienst des UNHCR und der privaten Hilfsorganisationen, die hier arbeiten.

Gerade vor fünf Wochen haben wir hier mit der Arbeit angefangen - das Radio sendet Ratschläge zur Hygiene, Informationen über Impfungen, über die Verteilung von Nahrungsmitteln und ähnlichem. Außerdem senden wir kleine Features mit O-Tönen aus den Lagern und Interviews mit den Hilfsorganisationen.

Mit derzeit zwei Journalisten, dem Koordinator und einem einzigen Techniker sind unsere Möglichkeiten beschränkt. Die Siebentagewoche gilt für alle hier. Da der Bürgerkrieg noch nicht zu Ende ist, besteht nicht die Möglichkeit einheimische Journalisten einzusetzen. Wem kann "Reporters sans frontières" vertrauen? Die Anhänger des gestürzten Regimes spielen mit ihren über die Grenze geretteten Militärfahrzeugen die Herren der Lager, so daß an die Mitarbeit einheimischer Journalisten vorerst nicht zu denken ist. Wer hat sich nach diesen Massakern wirklich eine "dritte Position" bewahrt? Wer unter den Flüchtlingen kann sich in die schwierige Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen hineinversetzen, die nur zu leicht lebensgefährlich werden kann?

So haben wir gestern auf glattem Terrain - einem halbstündigen Programm für Kinder - angefangen, populär zu werden. Mit Mvunabu, einem jungen Zairer hier aus der Grenzgegend, machen wir uns auf in die kleinen abgezäunten Lager, die man "Waisenhäuser" nennt. Es sind keine wirklichen Waisenhäuser, da viele der Kinder ihre Eltern auf der Flucht aus den Augen verloren haben. Mvunabu ist ein wunderbarer Animateur, Sänger und Tänzer. Wir lassen die Kinder Märchen erzählen, singen mit ihnen Lieder und machen mit ihnen Hörspiele.

Heute haben wir die Erkennungsmelodie für das Programm aufgenommen. Es ist ein Lied, das in allen Flüchtlingslagern gesungen wird: "Eines schönen Tages werden wir heimkehren'

Michael Rediske, 1. September 1994

Michael Rediske plant während seines Aufenthaltes in Ruanda die Produktion von O-Ton-Kassetten, die er zusammen mit Fotomaterial an das TAZ-Haus nach Berlin schicken wird. Beides kann dann bei Bedarf angefordert werden.

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