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Rundbrief Nr. 2, September 1994

ROG

Ruanda/Zaire:

Das Radio Projekt "Die Schwalbe der Hoffnung"

"Sie hören Radio Gatashya, das humanitäre Radio." Es ist fünf Uhr nachmittags an diesem 5. August in Goma. Zum ersten Mal ertönt auf 95 MHz der Jingle der von Reporters sans frontières eingerichteten Station. Das Team atmet auf in seinem improvisierten Studio im Keller einer Bank, deren Gebäude derzeit dem UNO-Organisation UNHCR als Büro dient.

Zehn Minuten vor Beginn der ersten Sendung funktioniert die Elektrizität immer noch nicht. Und ohne die Hilfe des Elektrikerstabes der französischen Soldaten hier vor Ort hätte man noch einmal den Sendebeginn verschieben müssen. Aber jetzt geht alles gut, und Pierre Mulot, der Sendetechniker von Radio France, hat die Regler des Mischpults hochziehen können. Begonnen hat das einstündige Programm, Ratschlägen zur Hygiene gegen die Cholera, einem Interview mit Filipo Grandi, le "Chef' des UNHCR in Kivu und eine Serie von aktuellen Spots zur humanitären Hilfe.

Vorbei ist für das Team von Reporters sans frontières in diesem Moment eine Woche der Probleme und Zweifel, seit der Ankunft auf dem Flughafen der "Hauptstadt" von Nord-Kivu. Doch die Woche hat ihr gutes Ende gefunden.

Grünes Licht aus Zaire

Rückblick. Am Mittwoch, dem 27. Juli, erhält Herve Deguine, im Sekretariat von RSF für Afrika verantwortlich, einen Anruf: Am anderen Ende der Leitung ist Dina Vernant, zuständig für humanitäre Aktionen im Stab von Philippe Douste-Blazy, dem französischen Gesundheitsminister. Verrannt berichtet, daß "ihr Minister" gerade von einer Reise in die Flüchtlingslager von Goma zurückgekehrt ist. Und dort hat der Bürgermeister von Lourdes grünes Licht von Zaires stellvertretendem Premierminister bekommen, ein humanitäres Radio auf die Beine zu stellen. Das UNHCR hat auf Anfrage zugestimmt, zwei französische Unternehmen, Radio France und Tele Diffusion de France (TDF) haben sich verpflichtet, nicht nur das Material zu stellen, sondern auch die Techniker, es zu bedienen. Jetzt fehlt nur noch Reporters sans frontières, beschließt Dina Vernant, und es müßte funktionieren. Ein Treffen wird für den folgenden Tag vereinbart, um zu sehen, ob auch alle auf der selben "Wellenlänge" sind.

Das Schiff wird klargemacht

In der Pariser Rue Geoffroy Marie Nr. 5, seit Juli neuer Sitz von RSF, wird alles klargemacht. Wer in Urlaub ist, wird per Telefon informiert, die Schweizer Sektion wird einbezogen: Francois Gross, deren Präsident, ist einverstanden. Das neue Projekt muß nur in Koordination laufen mit der Arbeit, die seit einigen Wochen Philippe Dahinden in Bukavu, am südlichen Ende des Bukavu-Sees macht: ein humanitäres Radio, im Auftrag der Schweizer Sektion von RSF. Er ist Journalist bei der Rundfunkanstalt der französischen Schweiz und hat schon die Genehmigung der Behörden von Zaire, zwei Ultrakurzwellensender (ausgeliehen von der französischen Sektion), einen dritten für Kurzwelle, und schließlich verfügt er mittlerweile über gute Kenntnis des Terrains.

Seit sechs Wochen arbeiten RSF-Schweiz an diesem Projekt. Philippe Dahinden hat die Ankunft der hunderttausenden von Flüchtlingen in Bukavu offenbar vorher geahnt. Vor Ort hat er Kontakte mit den lokalen Behörden geknüpft, einen Ort für den Sender gefunden sowie ruandische und zairische Partner gefunden.

Am Donnerstag, den 28. Juli, treffen sich die Initiatoren des Radioprojektes Goma im fünften Stock des Gesundheitsministeriums in der Avenue de Segur. Sie brauchen nur 2 Stunden, um zu einer Einigung zu gelangen und die Verwaltungsangelegenheiten zu regeln. Der Abflug wird für Freitag abend festgelegt. Das Flugzeug wurde von zwei Unternehmen gechartert und soll Menschen und Material transportieren. Für Reporter ohne Grenzen ist außer Herve Deguine und Robert Menard auch Francois Capelier mit von der Panie, Journalist bei France Culture und schon seit langer Zeit aktiver Unterstützer der Organisation.

Die Erinnerung an die Reise mit der Boeing 707 der privaten zairischen Fluggesellschaft Shabair beschränkt sich auf die langen Stunden des Wartens und die weichen Sessel der ersten Klasse, eine völlig neue Erfahrung für unsere "Kämpfer für humanitäre Ziele" ... Gleich nach der Ankunft geht es zum Militärlager des Flughafens. Hier wird das Team untergebracht und kann daher von der Militärlogistik profitieren: von der Suppe aus der Gemeinschaftsküche bis hin zu den morgendlichen heißen Duschen. Als Dreingabe gibt es Unmengen von schwarzem Sand und das Dröhnen der Flugzeuge, die rund um die Uhr auf dem Asphalt starten und landen.

Nun beginnt, was sich noch zu einem echten Krimi entwickeln wird, nämlich die angekündigte Landung des Flugzeuges, das das Material bringen soll. Sie ist zwar für Samstag vorgesehen, aber erst vier Tage später taucht das Flugzeug auf. Es handelt sich dabei um eine Illjuschin der Aeroflot, die zunächst in Luanda beschlagnahmt, dann nach Roissy geschickt und schließlich via Kairo, wo eifrige Zöllner sie geraume Zeit festhalten, um zu prüfen, ob es sich bei der Ausrüstung für den Radiosender nun um humanitäres Material handelt oder nicht, nach Goma zurückgeschickt wurde ...

Man muß sich nur zu helfen wissen

Das Team von RSF läßt die Tage, die das Flugzeug auf sich warten läßt, allerdings nicht ungenützt verstreichen. Man klärt technische und politische Probleme, die die Installierung eines Radiosenders unweigerlich mit sich bringt in einem Land, das ohnehin bereits chaotisch ist und über das sich darüber hinaus eine Flut von über einer Million Flüchtlingen wälzt.

Technische Probleme bereiten zunächst das Aufstellen der Antenne, die Wahl der, und, last but not least, die Verbindung zwischen den einzelnen Sendestudios und der Sendestation. Roland Vix, Techniker der Sofratec, einer Tochter von Tele Diffusion de France (TDF), schafft wahre Wunder. Mit seinen 57 Jahren ist er in bezug auf Energie und Erfindungsgabe zu echten Höchstleistungen fähig. Noch ehe ein Problem durchformuliert worden ist, verspricht er bereits die Lösung. Und er findet sie auch. Endlich ist die Antenne auf dem Hausberg Gomas installiert - der Wächter des Geländes hat dafür eine kleine Belohnung bekommen... Die Verbindung zwischen Sendestation und den Büros des UNHCR - hier ist der Regieraum untergebracht - wird mit Hilfe der Luftwaffe hergestellt.

Das Glück ist mit von der Partie

Im Studio sitzt Pierre Mulot vor seinen Hebeln und Knöpfen. Er ist Wartungsexperte bei Radio France und erweist sich - mit der Schnittschere in den Händen - als Stützpfeiler dieser mitten ins Chaos gesetzten Einrichtung. Zwei Tischböcke, vier Stühle und Radio Gatashya - "die Schwalbe der Hoffnung" - ist ins Leben gerufen. Endlich sind die Jingles bereit. Zusammen mit Francois Capelier wird die Sendung zusammengestellt, beim UNHCR "angetestet" und dann schließlich über den Äther gebracht. Radio Gatashya Goma sendet von 8.00 bis 20.00 Uhr und bringt drei Mal täglich Informationen - von 8.00 bis 9.00 Uhr. von 13.00 bis 14.00 Uhr und von 17.00 bis 18.00. Das Ganze findet in drei Sprachen statt: Französisch, Kinyarwanda und Suaheli.

Bleiben noch die politischen Probleme. Aber auch da ist das Glück zur Stelle. Frau Ogata, UN-Hochkommissarin für Flüchtlingsfragen, und Francois Leotard, der französische Verteidigungsminister, befinden sich am gleichen Tag in Goma. Und beide sind damit einverstanden, sich mit den Initiatoren von Reporters sans frontières zu treffen. Sie sind bereit, die Organisation zu unterstützen. Die Dinge kommen ins Rollen. Die Verantwortlichen des UNHCR, die bereits von der Idee überzeugt sind, nehmen sich der Sache an. Nach weniger als 48 Stunden hat Filippo Grandi den Segen des Gouverneurs der Provinz Kivu. General Lafourcade versichert Robert Menard komplette logistische Unterstützung. Dem französischen Konsul, Jean-Pierre Urbano, gelingt ein Gespräch mit dem Vertreter der Zentralregierung. Der Sendebeginn wird festgesetzt: Freitag, 5. August, 17.00 Uhr.

70 Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Kivu-Sees, legt Philippe Dahinden letzte Hand an die Sendevorbereitungen von Radio Gatahya Bukavu an. Auf dem improvisierten Flughafen dieser Stadt, die direkt an die "sichere humanitäre Zone" angrenzt, findet ein Treffen mit Robert Menard statt. Es geht darum, die Programme zu koordinieren, den Informationsaustausch zu organisieren, Lösungen für die letzten technischen Probleme zu finden. Am Tag darauf reist Philippe übrigens nach Goma, um sich vor Ort ein Bild von der "Durchführbarkeit" der am Vorabend getroffenen Entscheidungen zu machen. Alles ist bereit. Wie geplant kann die Ausstrahlung in Goma am Freitag nachmittag beginnen, in Bukavu am Tag darauf.

Zu Diensten der ONG (humanitäre Hilfsorganisation)

Radio Gatashya strahlt in erster Linie "dringende Informationen" aus. Die ONG haben Schwierigkeiten, sich mit den Flüchtlingen schnell in Verbindung zu setzen. Wenn aber Aufrufe wie "Trinkt kein Wasser aus dem Kivu-See", "Kocht Eure Nahrungsmittel ab" oder "Laßt Eure Kinder in den Gesundheitszentren impfen" mehrmals wiederholt werden, dann werden sie irgendwann auch gehört. Der Sender gibt auch Informationen, die den Flüchtlingen helfen sollen, sich an ihre neuen Lebensbedingungen anzupassen. So wurde zum Beispiel in der ersten Woche eine ganze Sendung den Verkehrsunfällen gewidmet, denen zahlreiche Kinder aus ländlichen Gegenden bereits zum Opfer gefallen sind. Unter Mitwirkung des CICR sendet Radio Gatashya auch persönliche Mitteilungen, um so das Zusammenfinden von Familien zu erleichtern, oder auch Kinderprogramme, die in Zusammenarbeit mit UNICEF realisiert wurden.

All diese Informationen werden von den Journalisten von RSF verfaßt, anschließend vom UNHCR noch einmal überlesen und zu guter Letzt von direkt vor Ort engagierten Dolmetschern übersetzt. Das Schreckgespenst Radio Libre des Mille Collines ist allen noch in bester Erinnerung: Es kommt also nicht in Frage, auch nur das geringste Risiko zu laufen. Sonst wäre die Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Journalisten augenblicklich beendet.

Die zahlreichen humanitären Hilfsorganisationen wurden um Informationen und Hilfeleistungen gebeten, und sie spielen sofort mit. Die Unterbringung direkt in den Räumlichkeiten des UNHCR ist ein Trumpf: Denn hier werden alle Koordinierungsversammlungen abgehalten, und diese Räumlichkeiten sind eine wichtige "Durchgangsstation" für die "humanitären Helfer". Radio Gatashya hat sich schnell in die "Landschaft" integriert. Die Einrichtung entwickelt sich zu einer solchen Notwendigkeit, daß jedermann sich fragt, warum man nicht schon eher und an einem anderen Ort auf diese Idee gekommen ist.

Jetzt gibt es also Radio Gatashya in Bukavu und in Goma. Der Sender hat viele Hörer. Und man begrüßt es, daß seriöse Informationen über den Äther gehen. Der erste Teil der Herausforderung wäre somit gewonnen. Nun geht es darum, die Funktionstüchtigkeit des Senders in den kommenden Monaten zu sichern, wobei sich die Begleitumstände sicherlich nicht zum Besseren wenden werden ...

Aufruf an Freiwillige

Finanziell haben sich die Schweizer Entwicklungshilfe, die UNESCO, der UNHCR und die Fondation de France beteiligt. Andere Kontakte laufen gerade. Ein neues Team, nämlich Jean-Michel Maniere von Radio France, Isabelle Darras von RTL, Jean Chichizola und Heike Schmidt von Reporters sans frontières - haben die Ablösung übernommen. Einige für 2 Wochen, andere für einen Monat. Weitere Freiwillige werden benötigt. Es ist gut und schön, einen Radiosender zu installieren. Aber die Flüchtlinge müssen ihn auch hören können. Wenn sie - was recht häufig der Fall ist - ein Radio besitzen, dann fehlen die Batterien. Das Team hat daher begonnen, eine erste Hilfssendung von 1000 Radiogeräten (die von "Equilibre" zur Verfügung gestellt wurden) an die Ärmsten unter den Flüchtlingen zu verteilen. 9.000 weitere - und 54.000 Batterien - sollen folgen. Wichtigste Verteilungsorte: die Wasser- und Nahrungsausgabestellen, die Polikliniken, die 18 Waisenhäuser, die Gesundheitszentren sowie die größten Verkehrsknotenpunkte. Ziel: ungefähr ein Gerät pro 500 Flüchtlinge.

Die Organisation Reporters sans frontières hat den Beweis dafür gebracht, daß sie in der Lage ist zu reagieren. Nach Meinung aller ist Radio Gatashya nicht nur notwendig, sondern unerläßlich. Jetzt geht es darum, das Vertrauen der Flüchtlinge zu gewinnen. In einem Kontinent wie Afrika, in dem Radio zumeist ein Synonym von Propaganda ist, ist dies sicher keine leichte Aufgabe.

Nach Radio Libre des Mille Collines, das als "Radio des Todes" zu trauriger Berühmtheit gelangt ist, legt Radio Gatashya nun seine "Karte des Lebens" auf den Tisch. Und erinnert einmal mehr daran, daß Informationen Leben retten können.

Chantal de Casabianca

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