ROG AktuellROG Homepage
zurückArchivIndexVolltextsucheweiter

PRESSEMITTEILUNGBerlin, 6.7.1999

Sierra Leone::

Krieg gegen Journalisten

In keinem Land der Welt wurden in diesem Jahr so viele Journalisten ermordet wie in Sierra Leone

Eine Delegation von Reporter ohne Grenzen sammelte Zeugenaussagen aus dem Buuml;rgerkrieg

Internationaler Hilfsfond für unabhängige Medien und verfolgte Journalisten gefordert

Eine Delegation von Reporter ohne Grenzen sammelte vom 25.-29. Juni in Guinea Zeugenaussagen von rund 20 Journalisten aus Sierra Leone, die vor der systematischen Verfolgung in ihrer Heimat geflohen sind. Die Berichte bestätigen frühere Recherchen der internationalen Menschenrechtsorganisation zum Schutz der Pressefreiheit auf schreckliche Weise.

Nach ihrem Einmarsch in der Hauptstadt Freetown am 6. Januar dieses Jahres machten die Rebellen der RUF (Revolutionary United Front) und ihr Verbündeter AFRC (Armed Forces Revolutionary Council) gezielt Jagd auf Journalisten. Bereits nach ihrem durch Johnny Paul Koroma angeführten Staatsstreich vom 25. Mai 1997 hatten diese beiden Organisationen die unabhängigen Medien des Landes mit Repressalien überzogen - insbesondere diejenigen, die den im März 1996 gewählten Präsidenten Ahmad Tejan Kabbah unterstützten.

Die RUF ermordete während der Kämpfe in Freetown im Januar 1999 sieben einheimische Journalisten: James Ogogo, Jenner Cole, Mohamed Kamara, Paul Abu Mansaray, Alpha Amadu Bah Bah, Munir Turay und Mabay Kamara. Der AFP-Kameramann Myles Tierney starb am 10. Januar, als er eine ECOMOG-Patrouille begleitete, die in einen Hinterhalt geriet. Ein weiterer Journalist, Abdul Juma Jalloh (Redakteur des African Champion), wurde am 2. Februar von ECOMOG-Soldaten erschossen. All diese Morde sind bislang unaufgeklärt, keiner der Verantwortlichen ist bestraft worden.

Unzählige Journalisten wurden Opfer von Morddrohungen, Inhaftierung und Folter. Viele gingen in den Untergrund; um sie aufzuspüren, schreckten ihre Verfolger vor nichts zurück. So wurde nach den Recherchen von Reporter ohne Grenzen am 7. Januar das Haus von Sheku Saccoh, Redakteur der Standard Times und Korrespondent für die britischen Zeitschriften Africa Analysis und New African, gestürmt. Die Rebellen töteten seine Frau, Aminata, als sie sich weigerte, den Aufenthalt ihres Mannes zu verraten. Der Journalist Sulaiman Timbo berichtet, daß die Rebellen einige Tage nach dem Angriff auf Freetown in sein Haus eindrangen, ihn zwei Stunden lang verprügelten und als "Verräter-Journalisten" beschimpften. Sein Vater und seine Schwester wurden ermordet. Junior Michael, Mitarbeiter des Independent Observer, wurde zwei Tage lang an einen Baum gefesselt - die Leiche seines erschossenen Bruders zu seinen Füßen.

Viele Journalisten, die während der Koroma-Junta bereits verfolgt wurden, waren während der Kämpfe um Freetown Ziel der Rebellen - und erhalten auch jetzt, nach deren weitgehender Vertreibung durch die ECOMOG- und Regierungstruppen, weiterhin Morddrohungen. Weder von der ECOMOG noch von der Regierung Präsident Kabbahs können sie Schutz erwarten. So wurde Dorothy Awoonor Gordon, Mitarbeiterin der Concord Times, bereits 1997 von der AFRC-Junta verhaftet. Nachdem sie auf Intervention der Journalistenvereinigung SLAJ (Sierra Leone Association of Journalists) wieder freikam, wurde sie von der wieder an die Macht gelangten Regierung Kabbah der Kollaboration mit der Junta angeklagt. Nach dem Angriff der Rebellen auf Freetown versuchten diese erneut, sie zu verhaften: "Alle Familienmitglieder", berichtet Dorothy Awoonor Gordon, "wurden aus unserem Haus gejagt. Sie verlangten zu wissen, wo ich mich versteckte. Sie setzten das Haus in Brand, und ich lag unter meinem Bett versteckt. Ich schaffte es, durch den Garten zu entkommen, aber meine Schwestern, die mir zu helfen versucht hatten, wurden von den Rebellen verprügelt."



Reporter ohne Grenzen hat bereits im April einen Bericht (Sierra Leone: "Ein schwarzer Januar für die Presse") über die Gewalttaten vorgelegt sowie eine Reihe von Forderungen und Empfehlungen an die Regierung Sierra Leones und die internationale Gemeinschaft gerichtet und bekräftigt diese nunmehr:

Die Regierung Sierra Leones muß die gründliche Untersuchung der Morde und Gewalttaten gegen Journalisten durch die Rebellen und die ECOMOG-Truppen veranlassen.

Von der internationalen Staatengemeinschaft fordert Reporter ohne Grenzen die Einrichtung eines besonderen Fonds, um die unabhängigen Medien in Sierra Leone - wichtige Akteure beim Aufbau des Landes - zu unterstützen. Die überlebenden Opfer der Gewaltwelle, die aus Sierra Leone geflüchteten oder in den Untergrund gegangenen Journalisten benötigen zudem dringend materielle Hilfe und in vielen Fällen auch psychologische Betreuung, für die entsprechende Mittel bereitgestellt werden müssen.

Für weitere Informationen: Tel. (030) 615 85 85

Den Bericht "Sierra Leone: Ein schwarzer Januar für die Presse" (in französischer Sprache) senden wir auf Anfrage per Fax oder e-mail gerne zu.

Reporter ohne Grenzen
Skalitzer Straße 101,
D-10997 Berlin
Germany
rog@snafu.de
Tel.: 49 - 30 - 615 85 85
Fax: 49 - 30 - 614 34 63

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


[ zurück | Homepage | Aktuell | Archiv | Volltextsuche | weiter ]

© Reporter ohne Grenzen e.V.
Webmaster: Martin Mair


ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/