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PRESSEMITTEILUNGBerlin, 24.3.1999

Chile / Lateinamerika / Vor der Entscheidung des "House of Lords" in London:

Unter Pinochets Opfern sind auch 40 Journalisten

Nicht nur Chiles Ex-Diktator wurde bisher für seine Verbrechen nie belangt - Straflosigkeit für politische Morde ist in Lateinamerika noch immer die Regel

Kritische Journalisten sind Zielscheibe für Polizei, Militär und Drogenbarone

Heute will das "House of Lords" in London darüber entscheiden, ob der chilenische Ex-Diktator General Pinochet diplomatische Immunität genießt. Reporter ohne Grenzen erinnert daran, daß zu den 3000 Opfern der chilenischen Militärdiktatur von 1973 bis 1990 auch mindestens 40 Journalisten gehörten. Nicht nur in Chile, sondern überall in Lateinamerika richtete sich der Terror der Militärjuntas gegen kritische Journalisten, und wie in Chile blieben diese Verbrechen praktisch immer ungestraft.

In Chile wie auch in Uruguay, Argentinien, Kolumbien oder El Salvador gerieten Journalisten in den siebziger- und frühen achtziger Jahren häufig ins Visier von Militär, Geheimdienst und Polizei oder zwischen die Fronten von Armee und Guerilla. Bis heute gelten mindestens 70 Journalisten seit dieser Zeit als "verschwunden".

In den achtziger Jahren setzten sich in Kolumbien, Peru und Guatemala die Konflikte zwischen Regierung und Untergrundbewegungen fort. 25 Journalisten starben in Guatemala zwischen 1978 und 1990 während des Krieges mit der URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca). Gleichzeitig wurden Journalisten zunehmend Zielscheibe für paramilitärische Gruppen, Drogenschmuggler und andere kriminelle Organisationen. In den letzten zehn Jahren wurden in Mexiko und Kolumbien 60 Journalisten ermordet.

Trotz aller politischen Umwälzungen gilt in Lateinamerika ein Prinzip bis heute: das der Straflosigkeit für Morde an Journalisten. Seit 1988 zählte Reporter ohne Grenzen in dieser Region 134 Mordfälle. Fast alle Untersuchungen verliefen ergebnislos. Diese Praxis bedeutet nicht nur Straffreiheit für Täter und Hintermänner, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit neuer Verbrechen.

Vor diesem Hintergrund ist es um so bedeutsamer, wenn es doch einmal zu einer Anklage kommt. Der Prozeß gegen die mutmaßlichen Mörder des argentinischen Fotoreporters José Luis Cabezas wird zu Recht als Ereignis von internationaler Bedeutung gewertet. Cabezas, der für die Wochenzeitung Noticias über mutmaßliche Verwicklungen eines bekannten Unternehmers in Drogengeschäfte recherchiert hatte, wurde am 25. Januar 1997 ermordet. Sein Tod löste eine bis heute andauernde Protestwelle aus - auch weil die Umstände der Tat an die Todesschwadronen der Militärjunta erinnerten. Allerdings gibt der bisherige Verlauf des Gerichtsverfahrens wenig Grund zu der Hoffnung, daß die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Die derzeit noch 15 Angeklagten sind nach Meinung vieler Beobachter allenfalls Befehlsempfänger.

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