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PRESSEMITTEILUNGBerlin, 18.3.98

Iran:

Deutsche Schriftsteller, Journalisten und Orientalisten fordern die sofortige Ausreise von Faradsch Sarkuhi

Auf Initiative von Reporter ohne Grenzen und der tageszeitung setzen sich zahlreiche deutsche Intellektuelle erneut für den iranischen Schriftsteller und Journalisten Faradsch Sarkuhi ein. In einem Brief an den iranischen Staatspräsidenten Mohammad Chatami bitten sie, daß der am 28. Januar aus dem Gefängnis entlassene Autor das Land möglichst bald verlassen darf.

Die iranischen Behörden weigern sich bislang, Sarkuhi einen neuen Reisepaß auszustellen mit der Begründung, er müsse zuvor seinen alten Paß abgeben. Dieser wurde ihm jedoch bei der Haftentlassung nicht wieder ausgehändigt.

In dem Brief, der der iranischen Regierung am 12. März, zugestellt wurde, heißt es: "Wir wissen, daß Sarkuhi, dessen Gesundheitszustand sich im zurückliegenden Jahr stark verschlechtert hat, nichts sehnlicher wünscht, als seine Frau und seine Kinder zu besuchen. Daher appellieren wir an Sie, Ihr Menschenmöglichstes zu tun, um bürokratische Hürden zu überwinden und Sarkuhi die Reise zu seiner Familie zu ermöglichen."

Reporter ohne Grenzen ist sich mit den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern des Briefes einig, daß Faradsch Sarkuhi auch weiterhin internationale Unterstützung braucht.

Hintergrund:

Sarkuhi war im November 1996 auf dem Teheraner Flughafen verhaftet worden, als er zu seiner in Berlin lebenden Familie reisen wollte. Die Behörden hatten indes behauptet, er sei tatsächlich abgereist und unter anderem auch in Deutschland gewesen. Sarkuhi wurde gezwungen, diese Version zu bestätigen, widerrief diese Aussage aber in einem im Januar '97 außer Landes geschmuggelten Brief. Offiziell war der Journalist nach Angaben iranischer Behörden erst Ende Januar 1997 wegen "versuchter illegaler Ausreise" festgenommen worden.

Nach seiner Freilassung hatte sich Sarkuhi am 2. März 1998 in einem an den P.E.N.-Club addressierten Brief für die internationale Unterstützung bedankt und erklärt: "Ich verdanke mein Leben und meine Freilassung vor allem diesen Bemühungen zahlreicher Privatpersonen, Organisationen und Institutionen". Gleichzeitig hatte er aber seine Situation als "unklar" beschrieben.

Den vollständigen Wortlaut des Briefes sowie die Liste der 39 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner finden Sie nachstehend:


Seine Exzellenz
Hojjatoleslam val Moslemin Mohammad Chatami
Präsident der Islamischen Republik Iran

Euer Exzellenz,

seit zwei Jahren hat der iranische Schriftsteller Faradsch Sarkuhi seine Frau Farideh, seine Tochter Bahar und seinen Sohn Arasch nicht gesehen. Sie leben in Berlin, er in Teheran. Mehr als ein Jahr dieser Zeit verbrachte Sarkuhi im Gefängnis. Seit wenigen Wochen ist er auf freiem Fuß. Doch mit Entsetzen haben wir erfahren, daß iranische Behörden ihm die Ausstellung seines Passes verweigern und damit die Reise zu seiner Familie unmöglich machen. Wir wissen, daß Sarkuhi, dessen Gesundheitszustand sich im zurückliegenden Jahr stark verschlechtert hat, nichts sehnlicher wünscht, als seine Frau und seine Kinder zu besuchen. Daher appellieren wir an Sie, Ihr Menschenmöglichstes zu tun, um bürokratische Hürden zu überwinden und Sarkuhi die Reise zu seiner Familie zu ermöglichen.

Wir, Orientalisten, Schriftsteller und Journalisten, sind bemüht, Konflikte zwischen der westlichen Kultur und dem Islam durch das Werben um gegenseitiges Verständnis auszuräumen. Wir sind der Überzeugung, daß eine unbürokratische Praxis bei der Erteilung einer Reiseerlaubnis für Faradsch Sarkuhi dies erheblich unterstützen würde. Sie gelten als Hoffnungsträger der iranischen Intellektuellen.

Daher bitten wir Sie: Setzen Sie sich persönlich dafür ein, daß Faradsch Sarkuhi möglichst bald seine Familie besuchen darf.

Hochachtungsvoll

Franz Alt, Journalist, Baden Baden,
Tomas Avenarius, Auslandsredaktion, Süddeutsche Zeitung, München
Brigitte Burmeister,'Writers in Prison' des PEN
Prof. Dr. Friedemann Büttner, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin
Sabine Christiansen, freie Autorin und Journalistin, Berlin
F.C. Delius, Schriftsteller, Berlin
Deutsches PEN-Zentrum Ost, Berlin
Deutsches PEN-Zentrum West, Darmstadt
Thomas Dreger, Auslandsredaktion, die tageszeitung, Berlin
Freimut Duve, Journalist, Hamburg
Hans-Magnus Enzensberger, Schriftsteller, München
Prof. Dr. Hajo Funke, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin
Günter Gaus, Publizist, Hamburg
Ralph Giordano, Schriftsteller, Köln
Günter Grass, Schriftsteller, Lübeck
Karl Grobe-Hagel, Leiter der politischen Redaktion der Frankfurter Rundschau, Frankfurt
Dr. Claus-Peter Haase, Orientalist, Universität Kiel
Rainer Hachfeld, Autor und Karikaturist, Berlin
Dr. Kai Hafez, Deutsches Orientinstitut, Hamburg
Prof. Dr. Peter Heine, Zentrum moderner Orient, Berlin
Prof. Dr. Gerhard Höpp, Zentrum moderner Orient, Berlin
Walter Jens, Schriftsteller, Tübingen,
Prof. Dr. Petra Kappert, Orientalistin, Universität Hamburg
Navid Kermani, Orientalist, Universität Bonn
Prof. Dr. Gudrun Krämer, Orientalistin, Berlin
Hans-Helmut Kohl, Redaktionsleitung Frankfurter Rundschau, Frankfurt
Dr. Wolfgang Labuhn, Leitung Aktuelles/Zeitfunk, Deutschlandfunk/Deutschlandradio, Köln
Ulrich Leidholdt, Westdeutscher Rundfunk 2, Wellenredaktion, Köln
Dr. Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik, Süddeutsche Zeitung, München
Dr. Michael Rediske, Chefredakteur, die tageszeitung, und Sprecher von Reporter ohne Grenzen, Berlin
Reporter ohne Grenzen, Berlin
Dr. Joachim Sartorius, Generalsekretär des Goethe-Instituts, München
Prof. Dr. Annemarie Schimmel, Orientalistin, Universität Bonn, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels
Rajvinder Singh, 'Writers in Prison' PEN
Klaus Staek, Graphiker, Heidelberg
Lutz Tillmanns, Rechtsanwalt und Journalist, Bonn
Günter Wallraff, Journalist, Köln
Martin Walser, Schriftsteller, Nußdorf
Prof. Dr. Stefan Wild, Orientalist, Universtität Bonn
Christa Wolf, Schriftstellerin, Berlin


Für weitere Informationen - Hintergrund, Stellungnahme des Auswärtigen Amtes - wenden Sie sich bitte telefonisch an: (030) 615 85 85

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