ROG AktuellROG Homepage
zurückArchivIndexVolltextsucheweiterweiter

PRESSEMITTEILUNGBerlin, 8. 1. 98

Türkei / Göktepe-Prozeß:

Morddrohung gegen Zeugen

Im Prozeß gegen die mutmaßlichen Mörder des Journalisten Metin Göktepe schmuggelte einer der Angeklagten eine Waffe ein und bedrohte einen Zeugen.

Vor genau zwei Jahren, am 8. Januar 1996, starb der türkische Journalist Metin Göktepe nach seiner Festnahme im Istanbuler Stadtbezirk Eyüp unter den Schlägen von Polizisten. Göktepe hatte für die prokurdische Tageszeitung Evrensel über die Beerdigung zweier bei einem Gefängnisaufstand getöteter Gefangener berichtet. Seine Festnahme wurde von Augenzeugen beobachtet.

Die genauen Umstände des Mordes sind bis heute nicht geklärt. Der Prozeß gegen elf angeklagte Polizisten, der erst am 18. Oktober 1996 eröffnet wurde, zieht sich seit nunmehr 15 Monaten hin.

Die Rekonstruktion des Tathergangs, die - seit Monaten immer wieder verschoben - am 5. Januar endlich stattfand, geriet zu einem neuerlichen Beweis für die skandalöse Art der Prozeßführung: Einem der Angeklagten, dem Polizisten Fikret Kayacan, gelang es, unter seiner Kleidung eine Waffe einzuschmuggeln. Teilnehmer berichteten, der Zeuge Deniz Özcan sei von ihm mit den Worten "Du kannst ruhig Angst haben, wir werden Dich schon erwischen" bedroht worden.

Bereits zu Beginn der Ermittlungen war Deniz Özcan ebenso wie andere Belastungszeugen bedroht und Ende 1996 sogar - vermutlich von Zivilpolizisten - entführt worden. Man versuchte, ihn durch Folter zum Widerruf seiner Aussage zu zwingen. Reporter ohne Grenzen und andere Beobachter des Prozesses forderten die türkischen Behörden mehrfach auf, die Zeugen zu schützen und außerdem dafür zu sorgen, daß alle Beweismittel vorgelegt werden. Bis heute verfügt das Gericht noch nicht einmal über den vollständigen Obduktionsbericht.

Der Prozeß um den Mord an Metin Göktepe wird für Reporter ohne Grenzen ebenso wie für die internationale und vor allem auch die Öffentlichkeit in der Türkei selbst ein Gradmesser dafür bleiben, ob die Regierung in Ankara die Normen einhalten kann und will, deren Erreichen sie erst kürzlich wieder im Zusammenhang mit dem angestrebten EU-Beitritt verkündet hat. Von einem rechtsstaatlichen Verfahren kann angesichts des jüngsten Vorfalls niemand sprechen.

Wir werden das Verfahren auch weiterhin beobachten. Der nächste Verhandlungstermin ist der 22. Januar.

> empfehlen Sie diese Seite weiter!


[ zurück | Homepage | Aktuell | Archiv | Volltextsuche | weiter ]

© Reporter ohne Grenzen e.V.
Webmaster: Martin Mair


ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/