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Ruanda

Fast eine Million ruandische Kinder, Frauen und Männer sind 1994 getötet worden. Sie fielen Massakern zum Opfer, die selbst im leidgeprüften Afrika ihresgleichen suchen. Die Ursachen dieser Tragödie liegen sowohl in den langanhaltenden Differenzen zwischen der Tutsi-Minderheit (1990 etwa neun Prozent der Bevölkerung) und der Hutu-Mehrheit (neunzig Prozent) als auch in der anarchischen politischen Struktur des Landes.

Politische Gewalt und wirtschaftliche Not, die beiden Hauptursachen des Bürgerkrieges, haben in Ruanda eine lange Geschichte: Auf die Ansiedelung der bantusprachigen Hutu-Ackerbauern (um 1000 n. Chr.) folgte die Verdrängung der ursprünglichen Twa-Pygmäen (die heute weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen); auf die Einwanderung des nilo-hamitischen Hirtenvolkes der Tutsi (15.-18.Jhd.) die Unterwerfung der Hutu. Und mit der Hilfe von deutschen (1899-1916), anschließend belgischen Kolonialtruppen wurde eine lange Reihe von Konflikten zwischen rivalisierenden Tutsi-Feudalclans um die Oberhoheit durch die gewaltsame Errichtung einer Monarchie abgelöst. Unter den belgischen Machthabern - seit 1919 als Mandatare des Völkerbunds, nach 1945 als Treuhänder der UNO - führte die Politik des Teilens und Herrschens zu einer Festigung der von den Tutsi installierten, feudalen Gesellschaftsstruktur. Sie wurde von der Tutsi-Minderheit bestimmt, die wirtschaftlich und politisch dominierte. Nachdem sich gegen Ende der Kolonialzeit eine Hutu-Befreiungsbewegung gebildet hatte, kam es 1959 zur Rebellion gegen die Tutsi-Herrschaft. Dabei wurden 150.000 Tutsi in die Nachbarländer vertrieben, viele getötet. Auch die Umwandlung der Monarchie in eine Republik (1960) sowie die Unabhängigkeit und Trennung von Burundi (1962), wo die Tutsi weiterhin regierten, brachte keine grundlegende Wende. Die Konflikte zwischen beiden rivalisierenden Volksgruppen setzten sich auch unter dem ersten Präsidenten Ruandas, Kayibanda, fort. Einen Höhepunkt markierte dabei das Jahr 1964, als der Angriff ruandischer Exil-Tutsi aus Burundi schwere Vergeltungsmaßnahmen auslöste, wobei 20.000 Tutsi getötet wurden und 12.000 nach Burundi flohen. Dort entluden sich 1972 die Konflikte zwischen Tutsi und Hutu in einem der - bis dahin - größten und grausamsten Massaker der afrikanischen Geschichte: Die burundische Armee und Mörderbanden jugendlicher Tutsi ermordeten fast die gesamte Hutu-Intelligenz, etwa 100.000 Menschen, rund 250.000 Hutu wurden aus dem Land vertrieben. Doch Gewalt erzeugte nur Gegengewalt: In den 70er und 80er Jahren töteten die Hutu-dominierten Regierungen in Ruanda zahlreiche Tutsi mit der Begründung, die nationale Sicherheit sei gefährdet. Im Gegenzug gründeten 1987 Exil-Tutsi in Uganda die Patriotische Front Ruandas (FPR), die im Oktober 1990 in Ruanda einfiel und den jüngsten Bürgerkrieg zwischen Tutsi-Rebellen und Regierungstruppen auslöste. Dabei gingen beide Seiten mit äußerster Härte gegen die Zivilbevölkerung vor.

Neben der Feindschaft zwischen Hutu und Tutsi trägt eine zweite Konfliktlinie zur Eskalation der Gewalt in Ruanda bei: die Rivalität zwischen Hutu aus den nördlichen und südlichen Landesteilen. Sie ließ sich in der Vergangenheit an zwei rivalisierenden Politikern festmachen: Präsident Kayibanda, ein Hutu aus dem Süden, und General Habyarimana aus dem Norden. In den 60er Jahren konzentrierte sich die Partei- und Regierungsmacht auf die Gruppe um Kayibanda, während Hutu aus dem Norden kaum Zugang zu politisch einflußreichen Stellungen erhielten. Nach Habyarimanas Militärputsch 1973 wiederum wurde die politische Macht hauptsächlich von Hutu aus dem Norden ausgeübt. Der neue Präsident verbot alle politische Parteien, gründete stattdessen 1975 eine Einheitspartei (MRND) und ließ sich durch die neue Verfassung von 1978 unumschränkte Machtbefugnisse übertragen. Habyarimanas autokratischer Regierungsstil schwächte und unterdrückte die Herausbildung von Institutionen zur Lösung politischer und sozialer Konflikte in einem Land, das zu den ärmsten Staaten Afrikas zählt. Willkür und Verfolgung, Mißachtung der Menschenrechte und politische Morde zerschlugen jede Opposition, unabhängig von der ethnischen Zusammensetzung. Erst die Invasion Ruandas durch die FPR veranlaßte den von Frankreich und Belgien unterstützten Diktator, im Juni 1991 eine Mehrparteienverfassung einzuführen und schließlich der Einsetzung einer Übergangsregierung zuzustimmen. Die geplante Liberalisierung stieß jedoch auf den Widerstand der in der Regierungspartei, Präsidentengarde und Armee dominierenden Hutu-Eliten aus dem Norden, weil nunmehr auch Hutu und Tutsi aus dem Süden wichtige Regierungsämter hätten übernehmen sollen. Mitglieder dieser Gruppe waren es dann auch, die am 6. April 1994 Habyarimanas Flugzeug abschossen. Bereits zuvor hatten die Präsidentengarde und die Armee Milizen rekrutiert, um Gegner der MRND-Herrschaft zu ermorden - sowohl Tutsi als auch Hutu. Es folgte eines der grausamsten Massaker der Menschheitsgeschichte, dem mindestens 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Setzte man diese Schreckensziffer mit der Bevölkerungszahl Deutschlands in Beziehung, wären binnen sieben Wochen rund sechs Millionen Deutsche getötet worden.

Wie viele Ruander es heute gibt, ist nicht bekannt. Bei der Volkszählung von 1991 waren es 7,2 Millionen. Die Zahl der seit April 1994 ermordeten, in Flüchtlingslagern verhungerten oder an Seuchen gestorbenen Menschen wird auf mindestens eine Million geschätzt. Mehr als zwei Millionen Menschen sind nach Zaire, Tansania und Burundi geflohen, mindestens 1,5 Millionen gelten als Binnenflüchtlinge. Trotz dieses Aderlasses ist Ruanda mit nur 26.000 Quadratkilometer Fläche immer noch das am dichtesten besiedelte Land Afrikas. Unbekannt ist, wie viele Tutsi-Flüchtlinge aus dem Exil zurückgekehrt sind oder noch zurückkehren werden. Ihre Zahl wird auf mehrere Hunderttausende geschätzt. In den seit 1990 fast menschenleeren Nordosten strömen jeden Tag rund 5.000 Tutsi mit ihren Rinderherden. Sie kommen aus Uganda, wo sie seit den Massakern von 1959/60 als Flüchtlinge lebten. In dem Gebiet, das etwa 60.000 Stück Vieh ernähren kann, sind mittlerweile schon mehr als 250.000 Rinder dabei, das Land in eine Wüste zu verwandeln.

Auch die Sicherheitslage hat sich keineswegs entspannt. In allen Teilen Ruandas herrschen nach wie vor Angst und Unsicherheit, ist das Verschwinden von Menschen an der Tagesordnung. Ein großer Teil der Verschwundenen, ob Hutu oder Tutsi, ist wahrscheinlich Mörderbanden jugendlicher Hutu oder Willkürakten der neuen Machthaber zum Opfer gefallen. Wieder andere werden ohne richterliche Verfügung, ohne Anklage und Verteidigung im Gefängnis von Kigali festgehalten, wo die rund 5.000 Insassen nur in Schichten schlafen können, weil im hoffnungslos überfüllten Gefängnis der Hauptstadt kaum noch Platz zum Stehen oder Sitzen ist. Hinzu kommt, daß die seit Monaten nicht bezahlten Soldaten der siegreichen FPR zurückkehrende Flüchtlinge bedrohen, berauben, mißhandeln oder gar ermorden. Im Südosten des Landes besetzten Tutsi-Rückkehrer, die schon 1960 nach Tansania und Burundi geflohen waren, die Dörfer und Felder, die in den letzten Monaten von Hutu verlassen worden sind, als sie aus Angst vor Rache der vornehmlich aus Tutsi bestehenden FPR-Armee nach Tansania und Burundi flohen. Zurückgebliebene Hutu-Milizionäre ermorden Tutsi-Rückkehrer, die wiederum gegen Hutu vorgehen. Auch im Westen Ruandas tritt keine Stabilisierung der Situation ein. Dort befürchtet man Übergriffe der geschlagenen Regierungstruppen, die sich weitgehend intakt in die zairischen Flüchtlingslager von Bukavu und Goma abgesetzt haben. Überdies kommt es zu Übergriffen zairischer Soldaten, die zum Plündern nach Ruanda eindringen. Im Südwesten, der Ende Oktober 1994 nach dem Abzug der Franzosen aus ihrer Schutzone von der FPR besetzt wurde, gibt es nach wie vor aktive Hutu-Milizen. Hier liegen auch die meisten Flüchtlingslager des Landes, in denen die FPR potentielle Widerstandszentren sieht. Die Situation ist unübersichtlich, eine unabhängige Berichterstattung ist fast unmöglich und äußerst riskant - Reporter ohne Grenzen weist darauf hin, daß in Ruanda 1994 auch die weltweit höchste Zahl getöteter Journalisten zu beklagen war.

Der neuen FPR-Regierung gehören Personen an, deren gemeinsames Ziel es war, Habyarimana Widerstand zu leisten. Das ist keine sehr tragfähige Basis: Noch ist ungewiß, ob es zu einer echten Demokratisierung kommen wird. Obwohl der Ministerpräsident und Präsident beide Hutu sind, haben sich auch die Ängste vieler Hutu nicht verringert, die Voraussetzungen für einen Neuanfang sind denkbar ungünstig.

Die ruandische Geschichte zeigt, daß in einer Agrargesellschaft ohne Latifundien der Kampf um die politische Macht zum Schlüssel für die Verteilung der knappen Staatsstellungen pervertiert: Regierung wird zum Beutegut, das innerhalb eines kleinen Kreises rivalisierender Eliten aufgeteilt wird. Vieles deutet gegenwärtig darauf hin, daß auch die neuen Machthaber an diesem Vorrecht festhalten werden.

Dr. Werner Brecht, Geschwister-Scholl-Institut, München, 1995


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