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Kuba

Die Bilder im Sommer 1994 gingen um die Welt: die Menschen verlassen Kuba, wann immer sie können und sei es auf wackeligen Flößen über das Meer. Fidel Castro verliert die wichtigste Grundlage seiner Macht, das Volk. Lange Jahre, auch noch als von außen längst das Scheitern des kubanischen Weges zu erkennen war, haben die Kubaner mehrheitlich zu ihrem Revolutionsführer gehalten. Die Erinnerung an die erfolgreiche Revolution gegen den Diktator Battista und die Vorzüge der nachrevolutionären Jahre schienen - gefördert von einer umfassenden Propaganda -, den Blick für die Wandlung Castros zum Diktator zu verstellen. Die massive Indoktrination und der allgegenwärtige Sicherheitsapparat blieben hinter den Errungenschaften verborgen.

Tatsächlich gab es eine Zeit, da war Kuba beispielgebend für Lateinamerika. Was nirgendwo sonst auf dem Subkontinent möglich war, war in Kuba Alltag: Das Wasser aus der Wasserleitung konnte gefahrlos getrunken werden. Kein kubanisches Kind mußte auf eine Schulausbildung verzichten. Für jedermann stand das staatliche Gesundheitssystem offen, die medizinischen Spitzenleistungen fanden Anerkennung in der Welt, kubanische Ärzte wurden in die ganze Welt "exportiert". Besucher aus Lateinamerika waren beeindruckt von der Sauberkeit auf den Straßen, auf denen niemand Angst zu haben brauchte und davon, daß alle Einwohner ausreichend,wenn auch nicht üppig zu essen hatten. Die erfolgreichen Operationen der kubanischen Armee verschafften Castro ein gewaltiges Prestige in den anderen Staaten der Dritten Welt.

Das war einmal. Inzwischen ist fast alles anders geworden in Kuba. Es gibt wieder Hunger unter den Bewohnern. Straßen und Gebäude bezeugen den fortschreitenden Verfall. Die kubanische Gesellschaft ist zerrissen in jene, die über Dollar verfügen, und jene, denen ausschließlich der kubanische Peso bleibt. Die Prostitution, ein Ergebnis der wachsenden Armut, breitet sich wieder aus. Die Revolution zerfällt und reißt alle Errungenschaften mit sich fort. Der Zusammenbruch der sozialistischen Länder, aber auch eigene Mißwirtschaft und Ineffizienz haben die cubanische Wirtschaft entscheidend geschwächt; jetzt greift auch das US-Handelsembargo härter.

Eine neue Revolution täte not in Kuba. Doch dazu kann sich der greise Revolutionär Castro nicht entschließen. Ihre Ziele heute stünden vordergründig den Zielen von damals entgegen. Doch es gibt keine andere Möglichkeit, das wissen auch die Regierenden in Havanna. Vorsichtig, allzu vorsichtig werden Bedingungen für eine neue Entwicklung geschaffen. Langsam werden die Märkte geöffnet. Es gibt einige Signale, die auf ein Anwachsen der Meinungsfreiheit hindeuten, aber immer noch sitzen Journalisten in den Gefängnissen, gibt es Repressionen gegen Oppositionelle. Castro bremst die Reformen, um die Macht nicht aus den Händen zu verlieren und um die sich verändernde Lage unter Kontrolle zu behalten.

Derzeit ist nicht abzusehen, welche Zukunft Kuba nimmt. Der Druck von innen und außen wächst täglich mehr, als er durch vorsichtige Veränderungen zu verringern ist. Viel Zeit bleibt nicht mehr. In Miami wartet eine große Gemeinde auf die Rückkehr. Doch auch die ist zerstritten. Nur in einem sind sich alle sicher: Ein Wechsel wird kommen, er hat schon begonnen.

Text: Peter Schilder, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1994


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