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Bosnien-Herzegowina

Bosnien, Mostar 1996


Bosnien, Mostar 1996: Brücke über den Fluß Meretva, dem ehemaligen Frontverlauf zwischen Kroaten und Muslimen.

Foto: Christian Jungeblodt/Signum


Der Ausbruch des Krieges im früheren Jugoslawien war eine Konsequenz des Zusammenbruchs des Totalitarismus in Ost- und Mitteleuropa. Der Kalte Krieg und die Ost-West-Konfrontation hatten die latent vorhandenen Konflikte in Jugoslawien nur überdeckt, während die tieferliegenden Probleme nie gelöst werden konnten.

Jugoslawien entstand 1918 als "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen". Letztere hatten bis dahin zum Habsburgerreich gehört. Die Kroaten und Slowenen akzeptierten Jugoslawien als politische Lösung - aus historischen Gründen und aufgrund nüchterner Einschätzung der Kräfteverhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg. Einen Jugoslawismus im Sinne einer übernationalen, unitaristischen Idee aber - die serbische Vorstellung - , lehnten sie ab. Der Konflikt dieser unterschiedlichen Staatskonzepte verursachte bereits die Instabilität des ersten Jugoslawien, die mit dem 1929 entstandenen autoritären Regime des "Königreichs Jugoslawien" einen ersten Höhepunkt erreichte. Die Spannungen - vor allem zwischen Kroaten und Serben, die sich mit dem jugoslawischen Staat identifizierten, ihn im Grunde als ein erweitertes Serbien betrachteten - eskalierten unter deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkrieges. Nach 1945 wurde Jugoslawien gemäß einem föderalistischen Programm erneuert, einem Programm, das freilich Fiktion blieb. Zur eigentlichen Klammer des Staates avancierten unter Tito Partei und Armee, wobei der Aufbau eines Mechanismus zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen unterblieb, ja - angesichts des politischen Monopols der Partei - unterbleiben mußte. Zwar ermöglichte der kommunistische Föderalismus anfangs ein friedliches Leben der jugoslawischen Völker untereinander, sogar einen gewissen Wohlstand innerhalb der Republiken. Doch hing sein Funktionieren von der Herrschaft der kommunistischen Partei ab, die ihrerseits von Tito beherrscht wurde. Der Tod des Diktators (1980) und das historische Ende der Partei (1990) stellten damit zwangsläufig das Überleben eines Staates in Frage, der auf diesen Pfeilern beruhte. Nach der Ernennung von Milosevic zum Präsidenten der Serbischen Republik (1987) begann sich in Serbien eine nationalistisch-bolschewistische Strömung durchzusetzen, der zunächst das Kosovo-Problem als Vehikel diente. Für diese Richtung ist das Kosovo serbisches Gebiet, obwohl dort nur etwa 10 Prozent Serben - gegenüber 80 Prozent Albanern - leben. Die Autonomierechte des Kosovos wurden allmählich zurückgenommen und 1990 völlig aufgehoben, ein Vorgang, der die eigentliche Todesstunde Jugoslawiens einleitete. Die in diesem Zusammenhang von serbischer Seite erhobenen Drohungen auch gegen andere Völker ließen ein serbisch dominiertes Jugoslawien für Slowenien und Kroatien zur Gefahr werden. Aus den Wahlen vom April und Mai 1990 in Slowenien und Kroatien gingen nichtkommunistische Regierungen hervor, die Ende Juni 1991 ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärten. Da nunmehr der Zerfall der serbisch dominierten Föderation nicht mehr aufzuhalten war, verschärfte Milosevic den Konflikt, indem er eine Grenzrevision zugunsten Serbiens forderte: die von Serben besiedelten kroatischen Gebiete in Slawonien und der Krajina sollten in einem Restjugoslawien verbleiben. Nur eine Woche nach dem Abkommen von Brioni (Juli 1991), das die Kampfhandlungen in Slowenien und Kroatien beenden sollte, begann die jugoslawische Bundesarmee, in der sich inzwischen der serbische Flügel endgültig durchgesetzt hatte, mit Kampfhandlungen gegen kroatische Milizen. Dabei wurde Vukovar völlig zerstört und die kroatische Bevölkerung im Zuge der ethnischen Säuberung von serbischen Truppen vertrieben.

Die Stationierung von UNO-Friedenstruppen in Kroatien (Anfang 1992) führte zwar zu einer Beendigung des offenen Krieges, doch auf Kosten Kroatiens, das nahezu ein Drittel seines Territoriums an serbische Aufständische verlor. Auch konnte ein Übergreifen des Konflikts auf Bosnien-Herzegowina nicht verhindert werden, wo bis zu Beginn des Krieges 44 Prozent Muslime, 31 Prozent Serben und 17 Prozent Kroaten lebten. Dort hatte Präsident Izetbegovic (seit 1990) bis fast zuletzt auf eine konföderative Lösung für das verbliebene Jugoslawien gehofft. Erst die unnachgiebige Haltung Serbiens, das dem konföderativen Gedanken abgesagt und Anfang 1992 Anspruch auf mehr als zwei Drittel des Territoriums der Teilrepublik erhoben hatte, führte am 3. März 1992 zur Unabhängigkeitserklärung. Die völkerrechtliche Anerkennung Bosniens am 6. April durch die EG und die USA beantwortete Belgrad unmittelbar darauf mit dem taktisch längst vorbereiteten Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. Trotz der Ende Mai 1992 vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen wurde Sarajewo weiter beschossen und belagert, ebenso Städte wie Bihac, Srebrenica, Tuzla, Zepa oder Gorazde. Die serbischen Kriegsziele waren dabei klar festgelegt: Vernichtung und Vertreibung der muslimischen Bevölkerungsgruppe, die Schaffung eines Landkorridors zu den eroberten Gebieten in Kroatien und der Zugang zur Adria. Inzwischen haben die Serben etwa 65 Prozent des Landes erobert. Die Bundesrepublik Jugoslawien bekundet, daß sie mit dem Bosnien-Krieg nichts zu tun habe, seit die jugoslawische Armee abgezogen sei (Juni 1992). Doch ohne die Unterstützung Belgrads ist der Krieg nicht denkbar. Die serbische Seite hatte die gesamte Ausrüstung der Bundesarmee übernommen und wurde und wird von der Rüstungsindustrie Restjugoslawiens mit Nachschubgütern versorgt. Auch die bosnischen Kroaten, die heute 25 Prozent des Landes kontrollieren, sind, unterstützt vom Stammland, auf Gebietserweiterung aus. Sie möchten - nach anfänglicher muslimisch-kroatischer Waffenbrüderschaft - die Muslime aus jenen Regionen vertreiben, die ihnen zunächst nach dem Vance-Owen Plan (Oktober 1992) und dann nach dem Stoltenberg-Owen-Plan (August 1993) zugedacht waren. Allerdings ist die Regierung Kroatiens im Unterschied zur serbischen Politik in der Regel durch diplomatischen Druck beeinflußbar. So schreckte der kroatische Staatschef Tudjman durch die diplomatischen Interventionen Deutschlands und der USA davor zurück, sich mit Milosevic über eine klare Aufteilung Bosniens zu einigen. Kroatische Einheiten der HVO haben sich in Bosnien ebenfalls schwerer Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht: 180 ermordete muslimische Bosnier zählte der Untersuchungsbericht der UNO-Menschenrechtskommission allein in dem winzigen Dorf Ahnici. Doch es blieb den serbischen Tschetniks vorbehalten, Konzentrationslager einzurichten, um den hartnäckigen Widerstand der Muslime endgültig zu brechen. Seit Kriegsbeginn wurden auf dem Staatsgebiet Bosnien-Herzegowina 94 solcher Lager eingerichtet. Luka, Batkovic und Brezovo Polje - diese Namen stehen für Internierungslager, die offensichtlich zu systematischen Folterungen, Tötungen und Massenvergewaltigungen genutzt wurden. Allein im Lager Luka (Brcko) starben mindestens 7.000 Menschen - bosnische Muslime, Kroaten und Serben. In Bordellen wurden moslemische Frauen und Mädchen ungeachtet ihres Alters wahllos vergewaltigt oder systematisch geschwängert. Die überaus schwierige, ja lebensgefährliche Berichterstattung aus Bosnien - mehrere Journalisten sind bei ihrer Arbeit getötet worden - kann kein vollständiges Bild dieser Menschenrechtsverletzungen liefern. Die Grausamkeiten nahmen jedoch auf allen Seiten zu. Am 8. Juni 1993 waren britische UNPROFOR-Soldaten Zeuge von Morden an Kroaten durch Bosnier. Allein 3.500 Kroaten sind nach der Eroberung Travniks durch die bosnische Regierungsarmee vertrieben worden.

Bosnien-Herzegowina hatte vor dem Krieg 4,1 Millionen Einwohner. Seither sind 1,6 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Mehr als 140.000 Menschenleben und etwa 160.000 Verwundete forderte der Krieg in Bosnien. 200.000 wurden in Konzentrationslager verschleppt, mehr als 30.000 sind dort gestorben. Obwohl seit 1992 UNO-Soldaten in Bosnien-Herzegowina stationiert sind, werden täglich weitere Menschen getötet, sind die zahlreichen Waffenstillstandsabkommen nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind. Die "Blauhelme" - etwa 10.000 in Bosnien - haben das Recht, sich bei Angriffen zu verteidigen, sonst aber keine Möglichkeiten, friedensstiftend einzugreifen. Von Beginn der Katastrophe an hat die Europäische Union ein Bild der inneren Zerrissenheit geboten. Und es war die Europäische Union, die dem Führer der bosnischen Serben, Karadzic, alle Eroberungen und Vertreibungen legitimiert hat. Erst daraufhin haben Kroaten und Muslime ebenfalls damit begonnen, aus ihren Einflußbereichen die jeweilige Minderheit zu vertreiben. Erschreckend ist dabei der Haß, mit dem die Nationalitätenkämpfe mit dem Ziel der ethnischen Säuberung geführt werden. Bereits Kinder werden in diesen Haß hineinerzogen, Freundschaften zerbrechen, Ehen werden geschieden. Und es ist dieser Haß, der nicht nur das Eingreifen von außen erschwert, sondern für die Zukunft Schlimmes erahnen läßt.

Dr. Werner Brecht, Geschwister-Scholl-Institut, München, 1995


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