100 Fotos für die PressefreiheitROG Homepage
zurückArchivIndexVolltextsuche

 

Achtung! Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert.
Neue Informationen finden Sie unter http://www.100-fotos-fuer-die-pressefreiheit.de

Algerien

In Algerien herrscht seit den abgebrochenen Parlamentswahlen von 1991 ein Bürgerkrieg, dessen Ausbruch und Verschärfung in der Vergangenheit nahezu ausschließlich islamischen Fundamentalisten angelastet wurde. Mittlerweile mehren sich die Anzeichen, daß auch die Regierung und verschiedene ethnische und politische Gruppen zu terroristischen Methoden übergegangen sind.

Ein Rückblick: Bei den ersten freien Wahlen im Dezember 1991 hatten mehr als drei Millionen Algerier für die Front islamique du salut (FIS) gestimmt. Daraufhin brach die Regierung "das demokratische Experiment" ab - im Januar 1992 putschte das Militär und wurde zur bestimmenden Größe in Algerien. Die Front islamique du salut war nicht darauf vorbereitet, im Untergrund zu agieren. Diese Tatsache erleichterte es der Armee, Tausende von Kadern und Sympathisanten der FIS zu verhaften. Als Reaktion auf den Terror, der gegen diejenigen Gruppen gerichtet war, die mehrheitlich FIS gewählt hatten, bildeten sich 1993 die Groupes islamique armées (GIA) - häufig als der militärische Arm der FIS bezeichnet.

Die mit dem Terror beabsichtigten Ziele der Kombattanten sind vielfältig und werden in den letzten Jahren zunehmend undurchschaubarer. Politische Einschüchterung, Gewalt und Massaker dienen zur Erhaltung und Ausweitung regionaler Vormachtstellungen. Welche Gruppen mit welchen Motiven dabei auf welcher Seite stehen, ist regional sehr unterschiedlich. So wird seit Frühjahr 1997 die Armée islamique du salut (AIS) - eine islamische Gruppe - in einigen Gebieten zunehmend vom algerischen Militärregime geduldet und kollaboriert zum Teil mit diesem im Kampf gegen die Groupes islamiques armées (GIA). Auch ethnische Minderheiten wie die Berber scheinen eher auf Seiten der Regierung zu stehen, von der sie - zum Teil sehr großzügig - mit Waffen ausgestattet werden. Im Oktober 1997 hat die Armée islamique du salut (AIS) einen Waffenstillstand angekündigt, dennoch hat sich die Zahl der Anschläge und Massaker erhöht. Vielfach bekannten sich auch die Groupes islamiques armées zu diesen Anschlägen. Wer aber letztlich hinter diesen Terrorakten steckt, ist schwer auszumachen. Seit Beginn des Bürgerkrieges forderten die Auseinandersetzungen mehr als 100.000 Menschenleben.

Bis Ende 1998 werden die sozialistischen Selbstverwaltungsbetriebe - die einstigen Farmen französischer Siedler - privatisiert sein. Landarbeiter in Gegenden mit fruchtbaren Böden werden gezielt terrorisiert und vertrieben; das Land wird "unter der Hand" weiterverteilt. Im Außenhandel sind Erdöl und Erdgas die wichtigsten staatlichen Einnahmequellen: Etwa 98% der Staatseinnahmen stammen aus dem Verkauf dieser fossilen Energieträger. Für Deutschland ist Algerien der zweitwichtigste Öl- und Gaslieferant. Dementsprechend ist die algerische Regierung bemüht, gute Beziehungen zu Deutschland und anderen europäischen Staaten zu unterhalten. Doch das Bild des einstigen Vorzeigelandes Algerien, das nach Ende der französischen Kolonialzeit einen mutigen dritten Weg der Blockfreiheit ging, verschlechtert sich wegen des rücksichtslos geführten Bürgerkrieges in der Weltöffentlichkeit zunehmend.

Algerien ist für Ausländer gefährlich - insbesondere gilt dies für Journalisten. Ausländische Berichterstatter werden rund um die Uhr bewacht, die Beschaffung von Informationen wird erschwert. Selbst grundlegende Voraussetzungen der Pressefreiheit, wie die Ausstellung von Visa und die Möglichkeit des Zuganges in bestimmte Krisengebiete werden von staatlicher Seite verhindert. Journalisten, die kritische Berichte über die Regierung verfaßt haben, wird eine weitere Berichterstattung systematisch verwehrt. Aufgrund dieser Blockadepolitik wurde 1997 in der französischen Presse die Frage diskutiert, ob es zu verantworten sei, auch in Zukunft Journalisten nach Algerien zu schicken - die Beschaffung von verläßlichen Informationen sei nahezu unmöglich und die Pressearbeit oftmals lebensgefährlich.

Text: Prof. Dr. Dietmar Herz und Rüdiger Krahn, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 1998


[ Zurück | ROG-Homepage | Archiv | Länderindex | Volltextsuche ]

© Reporter ohne Grenzen ev.
Webmaster: Martin Mair


ACHTUNG: Archiv - Diese Seiten werden nicht mehr aktuallisiert!
Die aktuelle Website von "Reporter ohne Grenzen" finden Sie unter http://www.reporter-ohne-grenzen.de/